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Was kommt nach Al-Dschasira?

von Mohamed Nabil
Kanadisch-marokkanischer Journalist in Berlin
Übersetzung aus dem Französischen von Mia Paradies

Es ist nicht zu leugnen, dass die arabische Medienlandschaft durch das Erscheinen des panarabischen Senders Al-Dschasira in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Die Gründung dieses Senders stellt ohne Zweifel einen Wendepunkt in der Geschichte der arabischen Medien dar. Jean-Marie Charon, Soziologe und Medienexperte, drückt es so aus: „Wenn ein neues Medium ins Leben gerufen wird, trägt es zum Erfolg dieses Metiers bei. Anschließend muss es seine eigene Arbeitsweise finden."
Al-Dschasira hat auch die arabische Politiklandschaft verändert. Der Sender wurde zu einer wichtigen Grundlage im Entscheidungsprozess der arabischen Politik, da er „der Missbilligung des Volkes gegenüber der repressiven Politik der aktuellen Machthaber und der unterdrückten Forderung nach Demokratie, eine Stimme gab.


Bild: Mohamed Nabil

Diese eröffnete den jungen Generationen, in einer durch die Langlebigkeit seiner autoritären Systeme besonderen Region, auch einen Zugang zu Räumen der Redefreiheit, der Reflektion und des Volksprotests."

Aber das Phänomen Al-Dschasira stellt im Kontext der Entwicklung der arabischen Gesellschaft keine arabische Medienregel dar. Laut David Hirst „bildet der Sender Al-Dschasira aus Quatar, der 24 Stunden pro Tag per Satellit ausgestrahlt wird, eine Ausnahme."

Dies wirft nicht nur viele Fragen auf, sondern entfacht auch eine wunderbare Debatte über die vom panarabischen Sender ausgestrahlten Informationen, seinen freiheitlichen Ton sowie seiner Respektlosigkeit gegenüber den Machthabern.

Die editoriale Leitlinie von Al-Dschasira und sein Stil bilden weder eine Fortsetzung der arabischen Medien noch stellen sie einen wirklichen Bruch mit den Medientraditionen der arabischen Welt dar. Traditionell gibt es einen Mangel an Professionalität und Berufsethik, denn die Mehrheit der großen arabischen Medien wird direkt oder indirekt von den politischen Machthabern, die eine schonungslose Zensur walten lassen, kontrolliert. Auch ein gewisser Mangel an Reglementierung des Berufes ist hervorzuheben.

Im Gegensatz dazu verfügen Gesellschaften mit langer demokratischer Tradition, wie in Europa, über eine wissenschaftliche und gesetzliche Struktur, die es erlaubt, den Medienberuf ungehindert auszuüben. Die Journalisten bleiben in der Regel von den Zwängen und Bedrohungen, denen ihre Kollegen in autoritären Systemen ausgesetzt sind, verschont.

Al-Dschasira war der Appetitanreger, es folgte eine Serie von ähnlichen Sendern wie z.B. Al Arabiyya, gegründet 2003, LBC, Al Manar, usw. Jenseits dieser Medienkonkurrenz, stellen sich heute entscheidende Fragen über das arabische Bild und die arabischen Informationen im Allgemeinen, aber auch über die Positionierung der Araber in der neuen weltweiten Medienordnung. Die Zukunft der arabischen Presse bleibt eine wichtige Frage, die man folgendermaßen stellen kann : "Inwieweit hat Al-Dschasira die arabischsprachige Medienlandschaft beeinflusst und zur Weiterentwicklung der arabischen Presse beigetragen?" oder aber „Ist die heutige arabische Medienlandschaft noch die Gleiche wie vor Al-Dschasira?"

Bevor wir zur Beantwortung dieser Frage kommen, möchte ich festhalten, dass der momentane Aufschwung der arabischen Presse bis in die 80er Jahre zurückreicht. Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Empires und dem Golfkrieg begann eine ernsthafte Veränderung der weltweiten Politiklandschaft. Die seitdem aufkommende Globalisierung und Liberalisierung ermöglichten die Entfaltung von sehr viel unabhängigeren und professionelleren privaten Medien.

Meine nun folgende Analyse wird die Gegenwart der arabischen audio-visuellen Medien nach dem Erscheinen von Al-Dschasira untersuchen. Eine erste Schlussfolgerung zeichnet sich schon ab, wenn man das Programm von Al-Dschasira und den arabischen Fernsehsendern betrachtet, Pressedossiers und Sendungen analysiert und beobachtet, wie die arabischen Journalisten ihren Beruf ausüben: Al-Dschasira gewinnt an Boden und verfügt über eine klar definierte redaktionelle Linie.

Olfa Lamloun bezeichnet den Sender als „das Ergebnis einer Konvergenz zwischen dem redaktionellen Projekt der Gründerjournalisten, die von BBC Arabic News kamen, und dem Bild, das Quatar gerne von sich selbst vermitteln möchte."

Angesichts des Erfolges von Al-Dschasira, haben sich die anderen arabischen Fernsehsender allerdings nicht grundlegend verändert. Zeitlich gesehen, nehmen die politischen Nachrichten einen sehr großen Platz im Programm ein, was zulasten des Kulturprogramms geht. Eine freie und professionelle Berichterstattung wird den arabischen Medien jedoch oft unmöglich gemacht. (als Beispiel seien der Jahresbericht der Reporter ohne Grenzen, sowie Berichte von Amnesty International und Menschenrechts-NGO's genannt).

Insgesamt kann man sagen, dass der aktuelle Aufschwung der Medien in der arabischen Welt auf mehr Professionalität und dem Zugang zur Unabhängigkeit gründet, auch die Wissenschaft spielt eine immer größere Rolle. Weiterhin ist festzustellen, dass trotz allem Phänomene wie eine tägliche Propagandapresse, persönliche Abrechnungen und Populismus in der arabischen Welt stark verbreitet sind. Die audiovisuellen Medien stehen dieser Situation zwiespältig gegenüber. Sie durchleben aufgrund des Mangels an Professionalität und Berufsethik sowie der meist gering gebildeten Zuschauer (die Hälfte der Bevölkerung der arabischen Länder sind Analphabeten) eine sehr schwierige Zeit. Ein Beispiel aus den Printmedien verdeutlicht diese Situation: laut einer von den Vereinten Nationen veröffentlichten Statistik, werden in Frankreich im Schnitt 285 Zeitungen pro 1000 Einwohner verkauft, während es in den arabischen Ländern gerade mal 55 Zeitungen pro 1000 Einwohner sind. Aber kann man die Probleme allein auf die niedrige Alphabetisierungsquote zurückführen? Auch in den arabischen Ländern gibt es eine Bildungsschicht, Lehrer und Beamte. Diese Frage sollte die arabische Presse von heute zum Nachdenken anregen.

Die Freiheit und der redaktionelle Stil der Berichterstattung von Al-Dschasira bleiben denen der Konkurrenz, die immer mehr Sendungen auf niedrigem Niveau bringen, weit überlegen. Kritik und Debatten über die Unparteilichkeit der Journalisten in den arabischen Ländern werden dadurch ausgelöst, dass viele Journalisten in den parteiischen Medien oft als Aktivisten für eine bestimmte Sache oder Ideologie dienen sollen.

Die Beziehung zwischen dem Politischen und dem Journalistischen birgt somit Fallstricke, die nicht einfach zu umgehen sind. Die Frage über das Engagement des Journalisten bleibt von enormer Bedeutung: darf sich ein Journalist politisch engagieren? Das Thema ist umso sensibler für einen Journalisten, da er sich nur mit Mühe vom Einfluss des politischen Engagements, das oft parteiisch ist, befreien kann. Die Rechtmäßigkeit und das öffentliche Interesse an einer Sache kommen zur Frage der Information noch hinzu.

Die Hauptaufgabe des Journalismus und der Kommunikation in den arabischen Ländern ist es, die Allgemeinheit zu informieren, sprich, ihr eine Situation oder ein Ereignis bekannt zu machen. Im Bestreben nach Neutralität muss diese Information der Öffentlichkeit notwendigerweise über die Medien erfolgen. Dieses Bewusstsein der Notwendigkeit die Allgemeinheit zu informieren, trat während verschiedener Krisen in der Welt immer deutlicher zutage. Allerdings haben die Medien nur selten die Zeit, eine vollständige Analyse der Situation zu machen und halten sich an einige Elemente, die sie durchschlagender finden, als andere. Daraus können falsche Interpretationen oder Missverständnisse in der Öffentlichkeit entstehen, was selbst die Journalisten beklagen. Die Pflicht zur Information erfüllt in gewisser Hinsicht nur dann ihren Sinn, wenn verschiedene Standpunkte, Quellen und Themen angeboten werden und die Wirklichkeit mit einem globalen, vielseitigen und kritischen Ansatz wiedergegeben wird.

Der Journalist produziert die Nachrichten nicht allein; in der journalistischen Arbeit „ist niemand direkt verantwortlich".Pierre Sormany beschreibt dies so: „Wenn man den Beruf des Journalisten erörtert, muss man es verstehen, bescheiden zu bleiben... der Journalist ist nicht als sozialer Akteur, sondern als Träger einer absoluten und willkürlichen Macht, wie es einige bezeichnen, von Bedeutung." Journalismus ist also ein Metier, das dazu dient Informationen im Dienste der Öffentlichkeit zu produzieren.

Daniel Schneidermann kommentiert die Aussagen des Soziologen Pierre Bourdieu, die das Wesen dieser Profession in Frage stellen, indem er zugibt, er schreibe über den Journalismus, weil er sich darüber klar geworden sei, dass er sich im Endeffekt schuldig fühle seinen Beruf auszuüben: schuldig, seine Artikel kurz und schnell zu schreiben.

Der Leser möchte schnell informiert werden. Natürlich ist dieses doppelte Ziel, so schnell und so umfassend wie möglich zu informieren, widersprüchlich. Die Konkurrenz zwischen den Medien ist ein Faktor, der diesen Druck noch erhöht. Der Journalist muss eine Information veröffentlichen können, auch wenn er noch nicht dazu bereit ist. Die von Bourdieu unterstellte Unkenntnis ist da manchmal durchaus zutreffend. Doch auch ein Übermaß an Sachkenntnis kann zu Inkompetenz führen. Ein Journalist, der zehn Jahre lang im gleichen Umfeld kreist, kann die Informationen nicht mehr wahrnehmen. Der Journalist steht im Dienste der Öffentlichkeit, aber seine Aufgabe wird im Zeitalter der elektronischen Presse sowie Unmengen von Fernsehsendern, die alle ihre Einschaltquote erhöhen möchten, immer schwieriger.

Die arabischen Medien sind mit diesen Problemen konfrontiert aber auch gewissen Marktzwängen unterworfen. Die Beziehung zwischen den Idealzielen des Journalismus und den kommerziellen Gegebenheiten der Medien, steht im Mittelpunkt einer strukturellen Spannung, die direkt die Informationsfreiheit berührt, sowohl unter politischem – ungehinderte Verbreitung von Informationen und Ideen in demokratischer Weise – als auch unter ethischem Aspekt – die Freiheit als Bedingung zur Informationssuche und -entwicklung bezüglich Tatsachen und Personen.

Die kurze Geschichte des Senders Al-Dschasira hat in den arabischen Ländern Spuren hinterlassen. Der Sender eröffnete die Möglichkeit, die Zerbrechlichkeit der arabischen Infrastrukturen auf medialer Ebene offen zu legen und wurde zum Leitfaden der Entschlüsselung der politischen Herausforderungen und der arabischen Medien, deren Entwicklung begrenzt bleibt. Ihre Arbeit geht, anders als bei Al-Dschasira, meist nicht über Imitationen oder die Schaffung von wenig beachteten Programmen hinaus.

Doch auch Al-Dschasira bleibt widersprüchlich und rebellisch. Der Sender ist vor allem „ein Beweis dafür, dass das arabische Nationalgefühl noch lebendig ist und demokratische Bestrebungen zum Ausdruck bringen kann." Die Diskussion über die Professionalität ist Teil dieser globalen Betrachtung der arabischen Medien. Im Innern der arabischen Länder bleibt sie jedoch offen, dort, wo die redaktionellen Linien der Medien noch weit davon entfernt sind zu einer Entfaltung des Pluralismus der Meinungen beizutragen.










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