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Rachida Lamrabet: Reise ins gelobte Frauenland

diepresse.com
Sonntag den, 20-12-2009

Rachida Lamrabet macht ein gebrochenes Versprechen zum Ausgangspunkt der Identitätssuche einer jungen Frau – zwischen Marokko und Belgien, dem Westen und dem Islam.

Das „Frauenland“ – so nennen die marokkanischen Männer Europa, weil sie glauben, dass dort die Frauen das Sagen haben.


Bild: Rachida Lamrabet

Younes macht sich auf ins Frauenland. Ein Versprechen, das ihm Mariam einst gegeben hat, ist der Grund für die waghalsige Reise des Universitätsabsolventen.

Fünf Jahre ist es her, da hat er am Strand von Saïdia der jungen Frau die Treue geschworen; hat um ihre Hand angehalten, worauf sie, die junge Exilmarokkanerin, die seit ihrer Kindheit in Belgien lebt, schließlich lachend einwilligte – aus einer Laune heraus, es war so ein unbeschwerter Sommer, und der verliebte Junge eine willkommene Abwechslung im alljährlichen Heimaturlaub, der Mariam so verhasst war. „Er liebte die Poesie, und sie würde in ein paar Tagen wieder abreisen“, schreibt Lamrabet, deren eigener Lebensweg dem Mariams ähnelt: Auch sie ist das Kind marokkanischer Einwanderer, auch sie wurde europäisch sozialisiert und arbeitet als Juristin im Menschenrechtsbereich.

Younes möchte nun verstehen, warum Mariam seine Briefe nie beantwortet hat – und was aus dem Versprechen geworden ist. Doch seine Reise zum ersehnten europäischen Ufer, über das Mittelmeer, misslingt: Eine Welle erfasst sein Fischerboot und er ertrinkt.

Abreisen, ankommen. Rahida Lamrabets Debütroman, der in Belgien im Jahr 2008 erschien und mit dem Preis für das beste flämische Debüt des Jahres ausgezeichnet wurde, handelt jedoch nicht nur von Mariam und Younes, deren Beziehung nicht viel mehr war als eine flüchtige Sommerliebe. Lamrabets Buch dreht sich um das Abfahren und Ankommen, um die schwierige Suche nach dem eigenen Ich zwischen Nordafrika und Westeuropa und den Versuchen der jungen marokkanischen Migranten, in Belgien heimisch zu werden.

Die Autorin seziert mit scharfem Blick die unterschiedlichen Verortungen der Exilmarokkaner: Für sie gibt es keine Masse, sondern viele individuelle Geschichten. Da sind die ehemaligen Bootsflüchtlinge, deren Hoffnungen auf ein besseres Leben in Europa sich nicht immer bewahrheiten; die marokkanischen Angeberjungs aus der Unterschicht mit ihren dicken Schlitten; diejenigen, die sich in einen radikalen Islam flüchten; die Eltern Mariams, die die Emanzipation ihrer Tochter nicht verkraftet haben, und schließlich Mariam selbst, die auf den ersten Blick in der Mitte der belgischen Gesellschaft angekommen ist – um den Preis der Selbstverleugnung, wie der Schluss des Romans nahelegt.

Keine von ihnen. Mariam ist beruflich erfolgreich, hat ihre Herkunftskultur hinter sich gelassen und lebt wie eine Belgierin. Nebenbei ist sie erfolgreiche Neopolitikerin, die als Migrantin „für mehr Farbe“ wirbt und sich gleichzeitig mit ihrer harschen Ablehnung des muslimischen Kopftuchs und der kompromisslosen Kritik an ihrer Herkunftskultur nicht nur Freunde macht. Seit Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie, die ihrerseits den Lebenswandel der Tochter nicht versteht.
Konfrontation in Marokko. Durch Younes' Tod wird Mariam allerdings wieder mit der Vergangenheit – und ihrer eigenen Geschichte – konfrontiert. Eines Tages sucht ein Freund des Verstorbenen sie auf und bittet Mariam, an Younes' Sterbeort zurückzukehren. Er werde von Träumen heimgesucht, in denen Younes erscheine, erklärt der Freund Mariam, die ihrerseits zugeben muss, dass es ihr seit einiger Zeit ähnlich ergeht. Mit ihrem Bruder, einem Kleinkriminellen und zweiten Gefallenen in der Familie, fährt sie sich schließlich nach Marokko zurück. Und langsam macht sich in Mariam die Gewissheit breit, dass man die eigene Geschichte doch nicht so einfach hinter sich lassen kann. Und dass die Erinnerung daran gar nicht so schlimm sein muss, wie sie bisher geglaubt hat.



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