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''Miss Palästina''-Wahl

Quelle: sueddeutsche.de
Dienstag den, 26-12-2009

Die "Miss Palästina"-Wahl soll ein Symbol für Normalität im Westjordanland sein, doch Fundamentalisten machen den Veranstaltern das Leben schwer.

In der Lobby des Retno-Hotels sitzt Salwa Yousef, raucht, trinkt schwarzen Kaffee und betrachtet ihre rosafarbenen Fingernägel. "Wir haben uns entschieden, etwas Besonderes für die Frauen in Palästina zu machen", sagt sie.


Bild:

"Und wir haben eine Botschaft für die Welt: Wir wollen zeigen, dass wir eine ganz normale Gesellschaft sind." Sie steckt sich noch eine Zigarette an und blickt nervös zur Eingangstür.

Salwa Yousef, Chefin der Modefirma "Trip Fashion" in Ramallah, hatte eine Idee, vielleicht hat sie sogar einen Traum. Sie will die erste "Miss-Palestine-Wahl" im Westjordanland präsentieren. Einen glamourösen Event mit großen Auftritten und schicken Kleidern - "keine Badesachen", sagt sie, "das passt nicht zu unserer Kultur."

An die Schönen und auch Tugendreichen also hat sich ihr Aufruf gerichtet, gesucht hat sie hauptsächlich an der palästinensischen Birzeit-Universität, und 200 junge Frauen haben ihre Bewerbungen eingereicht, erzählt sie. 60 von ihnen wurden ausgewählt für die Vorrunden im Retno-Hotel, und wer es ins Finale schafft und am Ende ganz oben steht, wird reich belohnt: ein Neuwagen, eine Reise in die Türkei und umgerechnet knapp 2000 Euro in bar, das ist der Preis für die Siegerin.

Bei der offiziellen Verkündung des Wettbewerbs vor einer Woche sprach Salwa Yousef von zahlreichen Sponsoren und überdies von der "moralischen Unterstützung" durch die Palästinensische Autonomie-Behörde. In der Jury waren Sitze reserviert für Vertreter des Kultus- und Informationsministeriums. Und dann brach der Sturm los.

"Eine lasterhafte Veranstaltung"

Als Erstes hat der Religionsgelehrte und Parlamentsabgeordnete Scheich Hamed al-Beitawi das Wort erhoben gegen die "lasterhafte Veranstaltung, die blind westliche Traditionen imitiert". Grollend fragte er, wie man an so etwas "unter der Besatzung und angesichts aller Arten von Opfern" überhaupt denken könne. Und er erinnerte an die wahren Heldinnen des palästinensischen Volkes: die Mütter von Selbstmordattentätern und die weiblichen Gefangenen in israelischen Gefängnissen.

Andere religiöse Fundamentalisten schlossen sich flugs dem Aufschrei an, schließlich geht es nun darum, "die Ehre der Frauen" zu verteidigen. Am Ende hat auch noch die in Gaza regierende Hamas das Thema zu einer Breitseite gegen die politische Konkurrenz in Ramallah genutzt und zum Boykott des "anti-islamischen und schändlichen Wettbewerbs" aufgerufen.

Daher sitzt Salwa Yousef schon den zweiten Abend in der Lobby - wartet auf die Teilnehmerinnen der ersten Vorrunde, wartet auf die Sponsoren, wartet auf die Jurymitglieder aus den Ministerien. "Der Druck ist groß", sagt sie, "von außen und durch die Familien der Mädchen."

Von der Jury alleingelassen

Eine Stunde nach dem offiziellen Veranstaltungsbeginn haben sich immerhin vier Bewerberinnen eingefunden - plus der palästinensischen Presse, einem halben Dutzend Fotografen und zweier Fernsehteams. "Es geht los", sagt Salwa Yousef, und zieht an der Spitze des Trosses in den Veranstaltungssaal ein. Man kann nicht sagen, dass er wirklich feierlich geschmückt worden wäre für den Schönheitswettbewerb. Der Theaterraum im Untergeschoss des Retno-Hotels war leider besetzt, dort laufen die Proben für das heitere Stück "Abu Uba auf dem Fleischermarkt". So haben sie den Konferenzsaal herrichten müssen, in dem der kalte Rauch zu vieler Zigaretten hängt und ein Jurytisch und Stühle aufgebaut wurden.

Vorne sitzt nun Salwa Yousef, alleingelassen von der Jury. In der ersten Reihe hat das Quartett der Bewerberinnen Platz genommen, geschminkt und gestiefelt: Nisrin in engen Leggins, Mona mit weißer Plüschjacke, Samar in Blau und Falesteen in Rosa. Sie sind mutig, sonst wären sie nicht hier. Doch ein wenig verwirrt und verunsichert sind sie auch. Die Fotografen bedrängen sie, und die einheimischen Reporter pressen aus den jungen Frauen Erklärungen heraus, mit denen alle zufrieden sein dürften: "Wir wollen der Welt zeigen, dass wir stark sein können trotz der israelischen Besatzung." Irgendwie geht also auch um den palästinensischen Befreiungskampf, und es scheint immer noch leichter zu sein, über die Repressionen von außen zu sprechen als über die Probleme in der eigenen Gesellschaft.

"Nächstes Jahr ist das normal"

Irgendwann wird Mona Ennab der Trubel zu viel, sie hat zu lange lächeln müssen und sitzt nun erschöpft in der Lobby. Warum sie mitmacht? "Ich wollte mal was Neues probieren und habe solche Wettbewerbe schon ein paar Mal im Fernsehen gesehen." Sie ist 23 Jahre alt, hat Englisch studiert und keinen Job gefunden in Ramallah. Was Neues ist da immer gut. Von der Wut der Religiösen hat sie gehört, "ziemlich übel", sagt sie. "Aber mir ist das egal. Wenn ich auf die hören würde, gäbe es für mich nichts zu tun im Leben. Also höre ich nicht darauf und mache, was ich will." Das macht sie ziemlich konsequent, fährt Rennautos und Karts, allerdings nur in Ägypten und Jordanien, zu Hause gibt es so etwas nicht. "Ich bin die Einzige hier, die das macht", sagt sie, und auch das scheint ihr nichts auszumachen. "Wenn ich will, dann kann ich" - das ist es, was sie beweisen möchte.

Der Konferenzraum im Retno-Hotel jedoch ist dafür nicht der beste Platz, denn hier haben andere bewiesen, was sie verhindern können, wenn sie wollen. Vorne sitzt Salwa Yousef immer noch am Jurytisch und verteidigt verzweifelt ihr Projekt. "Wir laden jeden ein, sich anzuschauen, was wir machen - egal ob er gut über uns redet oder schlecht", wirbt sie. "Wir haben Regeln in unserer Gesellschaft, und die befolgen wir." Doch die Gegner könnte sie wohl nicht einmal überzeugen, wenn sie die Miss Burka wählen lassen würde. Aufgeben will sie trotzdem nicht, sie will noch ein paar Tage warten in dem Hotel. Vielleicht kommen ja doch noch ein paar Bewerberinnen. "Nächstes Jahr", sagt sie, "wird das schon viel einfacher. Dann ist das hier schon normal."

 



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