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Kein Mensch in Katar muss wirklich arbeiten

Quelle: welt.de
Montag: 12 . 01 . 2010

Katar verfügt über eine der weltweit größten Gas-Reserven. Mit der Erschließung und Ausbeutung wurde gerade erst begonnen. Doch schon jetzt ist das Emirat am Persischen Golf das reichste Land der Welt – gemessen am Einkommen der Bevölkerung. Das bringt große Veränderungen mit sich.

Der alte Mann mit der ledernen Gesichtshaut ist der letzte, der in München in die wartende Maschine nach Doha einsteigt. Er tut es nicht mehr aus eigener Kraft. Sie fahren ihn im Rollstuhl an Bord, heben ihn zu mehreren in seinen reservierten Sitz in Reihe drei der First Class. Zwei Begleiter kümmern sich um den alten Mann, nehmen dann in der ersten Reihe Platz. Seine Augen sind weit aufgerissen, der Blick ist abwesend, der Mund ist halb geöffnet.

Zähne hat der alte Herr fast keine mehr, und verständigen kann er sich nur noch mit Stöhnlauten. Dennoch wirkt er mit seinem sandfarbenem Umhang, mit seinem Kopfputz würdevoll. Eine tief verschleierte Frau reicht ihm ein mitgebrachtes Getränk, das er durch einen Strohhalm trinkt. Sie selbst nimmt bald darauf mit


Bild:

weiteren Verwandten hinterm Vorhang in der halb so teuren Business Class Platz. Sie alle haben offensichtlich höchsten Respekt vor dem Alten, der wie so viele begüterte Kataris und Emiratis in München eine Klinik besucht hat und nun wieder auf dem Heimweg zurück an den Golf ist.

Dabei passt der alte Mann kaum in das Ambiente eines modernen Großraumflugzeugs, nicht in die breiten Sessel der First Class mit persönlichem Flachbildschirm-Fernseher und viel technischem Schnickschnack und nicht auf einen Sitz in der Touristenklasse. Er sieht aus wie jemand, der niemals fliegen würde. Wie einer, an dem die Zeit vorbeigerast ist. Wie einer, der noch im Sand geboren wurde, den weitaus größten Teil seines Lebens im Zelt unter der Wüstensonne Arabien verbracht hatte und den im Alter der Wohlstand überraschte. Der Mann wirkt nicht, als hätte er sich diesen neuen Lebensstandard gewünscht. Nur deshalb scheint er deplatziert.

Seine Welt aber vergeht gerade. Sie wird zubetoniert, wegrenoviert, sein Leben wird modernisiert, klimatisiert sogar, ohne dass er gefragt wurde. Ohne dass er – obwohl sicher ein Mann großen Einflusses in seiner Gesellschaft – diese Entwicklung aufhalten könnte. In Katar sind es die Gas-Milliarden, die zwar später als in den Emiraten die Häutung und Erneuerung brachten – dafür umso schneller. So schnell, dass einem dabei fast schwindelig werden konnte. Auf einen Schlag waren all die neuen Hochhhäuser da. Und es werden immer mehr - Krise hin oder her.

Das Reich von Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani, seit 1995 auf dem Thron, klebt auf einer großen unterirdischen Gasblase, den drittgrößten bekannten Reserven eines einzigen Landes nach Russland und dem Iran. 25 Billionen Kubikmeter sollen es sein. Mit der Erschließung und Ausbeutung wurde gerade erst begonnen. Doch schon jetzt steht Katar als größter Exporteur von verflüssigtem Erdgas im weltweiten Vergleich ganz oben.

Scheich Hamad führt das reichste Land der Welt – gemessen am Einkommen der einheimischen Bevölkerung. Das Brutto-Inlands-Produkt beträgt pro Kopf rund 70.000 US-Dollar– in den Emiraten sind es etwa 37.000, in den USA 45.500 Dollar. Kein Katari muss wirklich arbeiten. Manche tun es dennoch. Aber das meiste verrichten inzwischen – wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Saudi-Arabien – Gastarbeiter, die vor allem aus Südasien kommen.

Der alte Mann aus dem Flugzeug hat erlebt, wie sein vergleichsweise liberaler Herrscher 1996 den arabischen Nachrichtensender al-Dschasira als mittelöstliches Pendant zu CNN gründen und immer wieder gewähren ließ. Über harte Zensur können sich die Mitarbeiter des Senders seit jeher nicht beklagen – was aber nicht heißt, dass sie über alles in voller Deutlichkeit berichten würden. Besonders rücksichtsvoll sind sie bei Inlandsnachrichten aus Katar. Denn: Wer setzt seine Bewegungsräume schon allzu leichtfertig aufs Spiel? Schließlich ist Freiheit hier ein ständiges Sondieren, ein Testen der Grenzen, um sie dann in kleinen Schritten zu erweitern.

Ob der alte Mann zuhause Fernsehen schaut, das Programm von al-Dschasira womöglich? Ob er es schätzt? Oder hielte es ihn nur von Wichtigerem ab – davon, draußen in der Wüste zu sein zum Beispiel und nachzudenken über die Vergangenheit? Davon, den Alltag zu erleben?

Er kann es nicht mehr sagen. Stattdessen bringt er, während das Flugzeug längst mit Kurs auf Doha abgehoben hat, gerade noch einen Stöhnlaut hervor. Sofort eilt von hinten die Verschleierte mit Trinkglas und Strohhalm herbei, während von vorne die beiden Söhne kommen und dem Vater mit ihren Händen über den rechten Unterarm streichen.

Ob der alte Mann all den Wohlstand will? Ob er glücklich ist über all den neuen Luxus, die vielen Statussymbole in Form von Mercedes-Limousinen und 40 Meter langen Yachten, mit denen die Jungen am Golf heute Reichtum und Macht demonstrieren? Ob er weiß, wie man Erdgas verflüssigt, und wie viele Hektoliter einer der modernen Flüssiggastanker auf Reede vor Doha fasst? Ob er ahnt, mit welchem Ehrgeiz Scheich Hamad darauf hinarbeitet, während seiner Regentschaft die Olympischen Spiele in Qatar auszurichten?

Der alte Mann hat das Glas mit dem Strohhalm wieder abgesetzt, den Kopf zur Seite gelegt, blickt mit offenen Augen ins Leere, und in seinen Pupillen scheint sich die Wüste zu spiegeln – als ob ein Film voller Erinnerungen in seinem Kopf abliefe. Er handelt wahrscheinlich von einer Welt aus Sand, in der man die Geschwindigkeiten noch von Vollmond zu Vollmond, manchmal von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang gemessen hat. Stunden, Minuten, Sekunden gab es damals noch nicht. Es war ein Leben ohne Eile und voller innerer Einkehr. Es war aber auch eines in großer Einfachheit, in klagloser Anspruchslosigkeit.

Würde der Alte überhaupt noch am Leben sein, wenn Katar diesen Katapultstart ins 21. Jahrhundert nicht hingelegt hätte? Schließlich hätte er nichts von den Fachärzten in München gewusst, den Kliniken mit den vielen reichen Patienten aus Arabien, wäre niemals dorthin gelangt. Ohne zu wissen, worum es sich bei seinem Leiden handelt, ist es fraglich, ob man ihm im Katar von einst hätte helfen können.

Interessiert es ihn, dass der Scheich den Amerikanern vor Jahren gestattet hat, in Doha das Hauptkommando ihrer Streitkräfte am Persischen Golf zu errichten? Wundert es ihn, dass man von diesen Fremden kaum etwas bemerkt, und sie keineswegs das Straßenbild bestimmen? Ahnt er, dass das ein gefährlicher Schachzug gewesen ist, der dem Herrscher in der Region nicht nur Freunde beschert hat und manche Gefahr birgt? Ein Schachzug, der andererseits aber auch Sicherheit bietet. Vielleicht hat er am Lagerfeuer vor seinem Zelt darüber diskutiert, vielleicht sogar Hamad al-Thani bei einer der Majlis al-Shra genannten Ratsversammlungen seine Ansichten dazu mitgeteilt.

Die Eröffnung des neuen Museums für Islamische Kunst hat er verpasst, die glanzvolle Einweihung der sandsteinfarbenen modernen Interpretation einer arabischen Burg direkt an der Corniche von Doha. Er war zu dem Zeitpunkt in München, hat erst ein paar Wochen danach den Rückflug angetreten. Entworfen hat sie kein Einheimischer, sondern der in New York ansässige Star-Architekt I.M.Pei, ein gebürtiger Chinese. Der Bau ist gleichwohl gelungen, bringt das islamische Erbe, die gesammelte Kunst der Region gut zur Geltung.

Das Museum ist ein Denkmal für das, was in Katar war, bevor die Moderne wie ein Sturm über das Wüstenreich hinwegfegte und alles, einfach alles veränderte. Es ist ein Denkmal für das Leben des alten Mannes im Flugzeug. Und es ist ein Ausrufezeichen aus Stein, eine gemauerte Erklärung, dieses Erbe wahren zu wollen. Alles, was davon übrig ist.



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