Der Andere ist aber auch mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und meine Umwelt. Der andere ist für mich ein selbstständiger Mensch, den ich respektieren und dessen Existenz ich anerkennen muss. Das gleiche gilt für ihn mir gegenüber natürlich ebenso. Je mehr unser Verhältnis zum Anderen im Hinblick auf Religion, geografische Herkunft und Geschichte wie auch bezüglich Vorstellungen, Glaubengrundsätzen, Identität und Aussehen auseinanderklafft, umso mehr nehmen Entfremdung und Kälte zwischen uns zu, und der Andere wird für mich zum Unbekannten. Um diese Schranken zu überwinden, gibt es nur die Möglichkeit, die Verbindung zu ihm aufrechtzuerhalten und ihn besser kennen zu lernen. Für uns in der arabisch-islamischen Welt ist der Andere jemand von Übersee, der uns wegen seiner Herkunft, seines Denkens und Glaubens, seiner blonden Haare und grünen Augen sehr fern ist, der auf uns herabschaut und uns als rückständige und unwissende Menschen betrachtet.
Ich persönlich betrachte den Anderen aber nicht als Unbekannten. Das mag daran liegen, dass ich Bücher über ihn gelesen und ihn einige Male getroffen habe. Aber ich würde mir wünschen, mit ihm in enger Verbindung zu stehen, mich mit ihm zu unterhalten und besser zu begreifen, was er meint, wie er über mich denkt und was wir gemeinsam haben.
Dies entspringt einer einfachen Erfahrung, die ich durch meine Teilnahme an einem Workshop in Kairo gewonnen habe. Er hatte den Titel: „Wie lassen sich Vorurteile in der journalistischen Arbeit überwinden?“ und wurde vom Projekt „Li-lak“ unter der Schirmherrschaft des Goethe-Instituts organisiert. An diesem Workshop nahmen deutsche und arabische Studenten teil. Er untermauerte meine Überzeugungen und stärkte meinen Glauben an den Dialog und den kontinuierlichen Austausch mit dem Anderen im Rahmen des gegenseitigen Respekts und der gegenseitigen Akzeptanz von Gedanken, Glaubensgrundsätzen und Überzeugungen.
Um dies kontinuierlich zwischen beiden Parteien umzusetzen, sollte keiner auf den anderen herabblicken, sondern eine menschliche Beziehung aufbauen, die auf gegenseitiger Anerkennung beruht. So kann eine konstruktive Basis für Dialogbereitschaft und Gedankenaustausch entstehen, und es können Urteile korrigiert werden, die man von jemandem gelesen oder gehört hat, der nichts über einen selbst weiß. Gleichzeitig versucht jeder den anderen von seinen Gedanken zu überzeugen, die er für richtig hält – allerdings in friedlicher und kultivierter Form. Er wird nicht fanatisch und versucht nicht, dem anderen etwas aufzuzwingen oder seine Gedanken zu missbilligen. So kann gegenseitiges Vertrauen entstehen. Der Andere wird ein Teil von mir, und gemeinsam werden wir die Dinge verstehen und uns gegenseitig ergänzen. Denn der Andere ist die Seele der Welt, und ohne ihn verliert die Welt ihre Bedeutung.
Der Andere, dem ich in diesem Workshop begegnete, erweckte in mir den Wunsch, den Kontakt zu ihm aufrechtzuerhalten und alle scheinbaren Barrieren zwischen uns abzubauen; Barrieren, entstanden durch Vorurteile und genährt durch die weltweiten Terroranschläge, für die der Islam verantwortlich gemacht wird. Dazu kommen Vorurteile uns gegenüber, weil es an Verbindung und Dialog fehlt.
Der Dialog mit dem Anderen ist wichtig und grundlegend. Ihn abzubrechen und unsere Meinung nur mit Gewalt und Terror zu erzwingen ist falsch und extrem fanatisch. Die islamische Religion propagiert den Dialog und das gegenseitige Kennen lernen. Gott der Gepriesene sagt im Koran in der Sure „Die Gemächer“, Vers 13: „Oh ihr Menschen! Wir erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Volkern und Stämmen, damit ihr einander kennen lernt. Doch der vor Allah am meisten geehrte ist der Gottesfürchtigste unter euch. Allah ist fürwahr wissend und kundig“.
Wie der Andere jedoch mit uns umgeht, nachdem wir diskutiert haben, und er unsere Überzeugungen und Gedanken kennen gelernt hat, ist eine ganz andere Frage. Sein Umgang sollte bejahend und respektvoll sein, auch wenn wir seine Meinung nicht akzeptieren.
Zur Sicherung der Kontinuität ist es sehr wichtig, im Umgang mit dem Anderen den Gedanken zu überwinden, er sei ein Fremder. Denn ein Fremder bleibt ein beängstigendes und abgelehntes Element, das Situationen und Anlässe zu Entfernung und Zerstörung schafft. Doch meiner Meinung nach ist der Andere ein Freund und eine Erfrischungsquelle für unser Denken und unseren Verstand nach dem Prinzip: Kein Mensch ist vollkommen. Es gibt keine Gesellschaft oder Kultur, die sich unabhängig voneinander entwickelt hätte.
Die bisherige Geschichte ist nicht nur Besitztum einiger weniger Stämme oder Zivilisationen, die sich besser dünken als andere - so wie die westlichen Gesellschaften, die die Möglichkeiten anderer Länder durch den Imperialismus gekappt haben. Denn der Andere unterscheidet sich in ihren Augen dadurch, dass er artfremd ist und Standards besitzt, die nicht den westlichen entsprechen. So haben sie den Anderen in die Enge getrieben und einverleibt, denn die Auflösung des Ichs im Anderen entzieht dem Dialog jede Grundlage.
Man muss den Anderen anerkennen und ihn als ebenbürtig betrachten. Er hat das Recht auf einen Standpunkt, auf Meinungen, Interessen, Bedürfnisse und auf Erwartungen, die sich von unseren unterscheiden. Wir müssen begreifen, dass wir nur so eine Welt für uns alle verwirklichen können.
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