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Der letzte Satiriker von Marrakech

Von: Nourdine Baroudi

Es war in einer Zeit, wo die Menschen, wenn sie Unterhaltung suchten, auf schnellstem Wege in Richtung Jamâa Al Fna sich begaben. Damals besaßen sie keinen
Guckkasten oder Fernseher. Die Wenigen hatten ein Radio, wo sie gerauschte Nachrichten hörten oder sie sich jeden Tag mit einer halbstündigen Geschichte (Seif
du Yazane) zwischen 18 und 18. 30 Uhr begnügten. Sie hörten alle zu und ließen dadurch ihre Fantasien ungestört fließen. Jamâa El Fna war ein buntes Theatrum, die Menschen konnten auswählen, was sie nun hören und sehen wollten, von Gnaoua bis Imaziren und von den Akrobaten bis zu Wahrsagern. In jener Zeit gab es ein Satiriker.


Bild: Nourdine Baroudi

Manche nannten ihn „Tabib al Hasharat“ (Insektologe oder Insektenarzt), andere Den Doktor. Er vergaß, vor lauter
Spitznamen, seinen richtigen Namen. Der Doktor war ein Künstler im wahrsten sinne des Wortes. Er beherrschte die Technik des Witzes und des Spotts. Er führte ein
Leben zwischen Genie und Wahnsinn. Sein Publikum, waren meistens intellektuelle Menschen, die lange Reisen unternommen hatten, um nur unserem Doktor beizuwohnen.
Für ihn war Jamâa Al Fna eine Schule und jede „Halqa“ (eine Art mündliche Literatur, wo die Menschen einen Kreis um den Künstler bilden) war ein Klassenzimmer, wer sich nicht richtig benommen hatte, müsste das Klassenzimmer verlassen. Zwischen 17. 00 und 20.00 Uhr begann unser Doktor seinen Unterricht, seine Witze waren revolutionär und verbunden mit Bitterkeit und politischem Verrat. Er war in der Lage die marokkanische Misere zu personifizieren. Für ihn, war die Armut eine Gestalt. Er beherrschte die Kunst der Rhetorik und benutzte oft in seinen Witzen verschiedene Apostrophen. Er erzählte einmal: „ Die Armut ist eine Frau, die eines Tages krank
wurde. Sie klopfte an alle Türen der Reichen, alle schlossen die Türe vor ihrem Gesicht. Sie gab dann auf und landete am Ende bei den Armen, die sie geheilt und
aufgenommen hatten. Sie bedankte sich dann herzlich und sagte daraufhin: „ihr seid ja alle nett zu mir, aus diesem Grund werde ich für immer bei euch bleiben“ der
Doktor hob plötzlich seinen Kopf mit den Augen gen Himmel gewandt und sagte: „ oh Gott! Ist die Armut ein Schicksal?
Unser Doktor hörte nach und nach auf zu unterrichten. Er widmete sich gänzlich dem
Alkohol. Eines Tages, hatte man ihn tot aufgefunden. Er starb alleine und einsam.
Der Ausdruck des Spotts und des Hohns eroberte sein von Alkohol und von Hungerspuren verbranntes Gesicht.

Ist die Armut ein Schicksal?

 

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