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Gibt es marokkanische Literatur?

Quelle: dw-world
Sonntag den, 18-10-2009

Viele der marokkanischen Autoren schreiben nicht in ihrer Muttersprache Arabisch. Eine Literatur, die sich als marokkanisch bezeichnen lässt, wird daher kaum wahrgenommen. Aber gibt es sie tatsächlich?

 Ein bisschen afrikanisch, ein bisschen orientalisch und europäische Züge sind auch dabei - so klingt die Musik Marokkos. Und genauso vielfältig wie die Musik ist auch die Literatur Marokkos.


Bild:

Nicht zuletzt deshalb, weil die meisten marokkanischen Autoren mindestens in zwei Sprachen lesen und schreiben, Arabisch und Französisch. Aber das sei nicht immer so selbstverständlich gewesen, sagt der Schriftsteller Mahi Binebine.

Eine Frage der Identität?

“Die alte Generation hatte noch Probleme, wie die der Identität beispielsweise, oder man hatte ein Problem damit, in der Sprache des Besatzers zu schreiben.” Deswegen schrieben viele Autoren Marokkos früher fast nur auf Hocharabisch und hielten sich dabei sehr an die literarischen Genres der arabischen Renaissance, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Ägypten entstanden ist. So wollten sie den Besatzern zeigen, dass ihr Land eine gleichwertige, wenn nicht sogar eine weiterentwickelte Kultur besaß. Mit solchen Problemen hat die neue Generation der Dichter und Schriftsteller nicht mehr zu kämpfen. Denn längst haben sie im Zeitalter der Globalisierung neue Horizonte entdeckt. Und das, jenseits aller sprachlichen Zwänge. Die Sprache sei für ihn lediglich ein Mittel. Um über Marokko zu erzählen, schreibe er auf Französisch, doch das könne er durchaus auch auf Deutsch oder Koreanisch machen, sagt Mahi Binebine. “Meine Bücher sind in zwölf oder dreizehn Sprachen übersetzt worden. Ich bin trotzdem ein marokkanischer Autor. Es kommt ausschließlich darauf an, was du als Autor erzählen willst. Kafka bleibt auch auf Chinesisch Kafka”, sagt Binebine.

 
Der Stoff aus dem Geschichten gemacht werden.

Die Romane des Autors, die alle auf Französisch sind, handeln von den Alltagsproblemen der Menschen in Marokko, wie der illegalen Auswanderung, dem Hanfanbau im Norden des Landes oder dem ganz speziellen Begriff “Mach´sen”, der in Marokko für den Staatsapparat und den König steht. Alles Tabu-Themen, die auf Arabisch nur eingeschränkt diskutiert werden können. Doch es sind gerade diese Alltagsgeschichten, die die marokkanische Literatur ausmachten, denn in den Geschichten spiegeln sich die Erinnerungen und die Vergangenheit der Menschen und der Autoren wieder, sagt der Dichter und Schriftsteller Yassin Adnan. “Wenn du schreiben gehst, dann nimmst du nicht nur Papier, Stifte und Wörterbuch mit. Du hast ein Gedächtnis, eine Vergangenheit, du hast Traditionen, die du als Kind kennen gelernt hast, als du zum Beispiel mit deinem Vater oder Mutter in den Hammam gegangen bist.” All diese Erinnerungen nehme ein Schriftsteller mit, wenn er über etwas schreiben wolle.

Die Heimat prägt

Wegen ihrer Mehrsprachigkeit sind die neuen marokkanischen Autoren wie Yassin Adnan und Mahi Binebine der Weltliteratur gegenüber sehr aufgeschlossen. So ist Yassin Adnan beispielsweise ein großer Fan von James Joyce und Ernest Hemingway. Doch es ist etwas ganz anderes, was ihn und seine Erzählungen beeinflusst hat: “Was mich am meisten geprägt hat, sind die verbalen Geschichtserzählungen in Jamaá al f’na in Marrakesch.” Die Art, wie diese Leute erzählten, wie sie mit der Sprache spielten, wie sie improvisierten und von der einen Geschichte in die nächste sprängen, das sei seine Erzählschule, seine Grundschule des Schreibens gewesen, sagt Adnan. Immer wenn er einen Roman oder Gedichte eines marokkanischen Autors liest, kommen ihm einheimische Melodien in den Sinn. So wie die Musik, ist auch die neue marokkanische Literatur afrikanisch, orientalisch und auch Europäisch und macht aus dem Maghreb – nicht nur geographisch – den Okzident im Orient.



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