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Mit dem Eselskarren durch Klein-Marrakesch

Streng genommen gehört Marokko nicht zum Orient. Geht die Sonne dort doch noch später unter als in Mitteleuropa. Aber sonst hat das nordafrikanische Land all das zu bieten, was man vom Morgenland erwartet: Altertümliche Städte mit Moscheen und geschäftigen Märkten. Exotische Düfte und Köstlichkeiten wie in tausendundeiner Nacht. Aber auch tiefeSchluchten und einsame Wüsten,

in die sich nicht einmal ein Kamel gerne verirrt.

Durch die Straße von Gibraltar ist Marokko kaum mehr als einen Steinwurf von Europa entfernt. Fähren vom spanischen Algeciras setzen regelmäßig ins quirlige Tanger über - ein Service, den vor allem Tagesausflügler und Wohnmobilreisende gerne nutzen. Aber gerade in den Wintermonaten fliegen die meisten Touristen lieber direkt nach Agadir und legen sich in Marokkos größtem Badeort an die Strände der Atlantikküste.

Dabei gebe es weitaus interessantere Orte in Marokko als Agadir, findet Achraf. Der 27-Jährige muss es wissen, denn er ist in der Touristenhochburg geboren. Die Stadt wurde samt ihrer historischen Bauten 1960 durch ein Erdbeben völlig zerstört. Die Flaniermeilen und Hotelklötze, die danach auf den Trümmern für die Pauschaltouristen gebaut wurden, haben mit der einstigen orientalischen Handelsstadt nur noch wenig zu tun.

Nein, wer sein Land kennenlernen wolle, betont Achraf, müsse die legendären Königsstädte besuchen, wie Meknes oder Marrakesch. Man kann Agadir mit seinem internationalen Flughafen aber auch als Ausgangspunkt für eine Reise in die benachbarte Region nutzen um von dort aus in die ursprünglichen Provinzstädte der Souss-Ebene - einer zerklüfteten aber fruchtbaren Landschaft südlich des Hohen Atlas - aufzubrechen.

Taroudannt ist eine solche Provinzstadt, mit dem Auto gut eine Stunde von Agadir entfernt. Der von einer mittelalterlichen Lehmmauer umgebene Ort wird auch Klein-Marrakesch genannt. Mehrmals am Tag erzittert die Mauer, wenn der Muezzin lauthals zum Gebet ruft. Aber auch sonst lärmt es in der Medina von Taroudannt: Unzählige Menschen tummeln sich in den engen Gassen, die meisten sind zu Fuß unterwegs, viele mit dem Mofa, Fahrrad oder auf dem Eselskarren. Im Souk (Markt) werden Lammfleisch und Datteln feilgeboten, frisches Obst und Gemüse oder neue Babouschen aus Kamelleder. Auffallend ist die große Gelassenheit der Marokkaner: Trotz des großen Gedränges gibt es nicht die Spur von Hektik.

Mit dem Bus geht es weiter nach Süden. Selbst Taxifahrten sind in Marokko vergleichsweise günstig. Allerdings sollte man starke Nerven mitbringen, denn die Verkehrsregeln sind andere als daheim. Statt rechts vor links gilt eher das Recht des Stärkeren - und wenn ein Bus oder Lkw ein wenig länger zum Überholen braucht, dann muss der Gegenverkehr auf den Seitenstreifen ausweichen. Auch vom Anschnallen hält man nicht viel, Taxifahrer sehen dadurch ihre Fahrkünste infrage gestellt.

Am südlichen Zipfel der Souss-Ebene liegt Tiznit, ein alter Garnisonsort, von dem aus das Königreich früher rebellische Berberstämme bekämpfte. Heute ist Tiznit vor allem für seinen edlen Silberschmuck bekannt. Im Schmuck-Souk kann man prächtige Ringe und Berberdolche erwerben. Zum Atlantik nach Aglou Plage sind es gute 15 Kilometer, wo lange Sandstrände zum Baden und Surfen einladen. Tiznit ist der letzte größere Ort vor der Westsahara. Fährt man noch weiter südlich, gelangt man bald nach Tarfaya, wo dem Piloten Antoine de Saint-Exupéry die Idee zu seinem Buch «Der kleine Prinz» kam. Ein Denkmal im Ort erinnert an den berühmten Schriftsteller.

Wem es dagegen zu heiß wird und wieder Richtung Norden fährt, der kommt an Essaouira nicht vorbei. Die erfrischende Hafenstadt ist etwa 170 Kilometer von Agadir entfernt und die Perle der marokkanischen Atlantikküste. Die beeindruckenden Befestigungsbauten sind hunderte Jahre alt und dienten mal den Portugiesen, mal den Saadiern und mal den Franzosen als Schutz. Denn Essaouira war zu Kolonialzeiten ein begehrter Seestützpunkt und zudem für lange Zeit Knotenpunkt des Karawanenhandels. Innerhalb der Mauern öffnet sich den Besuchern ein Labyrinth aus mittelalterlichen Gassen, die schon manchem Kinofilm als Kulisse dienten.

Auch unter Touristen spricht sich der Charme von Essaouira herum und so ist aus dem verschlafenen Hafennest in den vergangenen Jahren ein aufgeweckter Urlaubsort mit vielen Hotels geworden, in dem kein Wunsch unerfüllt bleibt. Unvergesslich bleibt etwa ein Besuch im ältesten Hamam der Stadt, wo man sich auf traditionelle Art waschen, peelen und massieren lassen kann. Das Bad wurde erst vor einigen Jahren aufwendig von der Deutschen Felicitas Christ restauriert, die ebenfalls als Touristin nach Essaouira kam, aber nicht mehr fortgehen mochte. Stattdessen baute sie über dem Hamam ihr kleines Hotel Lalla Mira, ihr zufolge Marokkos erstes Bio-Hotel. Die Einrichtung basiert auf umweltfreundlichen Materialien und verfügt über eine thermische Solaranlage sowie einen sogenannten Grauwasserkreislauf, der hilft, kostbares Trinkwasser zu sparen. Die Gäste werden mit exquisiten, fair gehandelten Speisen aus ökologischer Landwirtschaft verwöhnt.

 

Damit gehört Christ zu den wenigen, die erkannt haben, dass zügelloser Tourismus im boomenden Marokko zum Problem geworden ist. Elementare Ressourcen wie Wasser sind in der Region knapp und der Energiedurst der Urlauber beschert Städten wie Essaouira regelmäßig Stromausfälle. Ressorts wie das Lalla Mira sind clevere Alternativen zu den Riesenhotels des Pauschaltourismus und tragen dazu bei, dass die orientalischen Provinzstädtchen ihren ursprünglichen Charme bewahren.


Quelle: yahoo.com

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