Hungerproteste der Armen, die sich keine Grundnahrungsmittel mehr leisten können. In 33 Ländern hat die Weltbank solche Aufstände registriert. "Es werden mehr, wenn sich die staatlichen Lagerhallen leeren", vermutet Joachim von Braun, Generaldirektor des International Food Policy Research Institute. "Der Hunger ist auf die politische Agenda zurückgekehrt."
Gerade hatte sich die Weltöffentlichkeit mit dem Gedanken vertraut gemacht, der Hunger werde vom globalen Wachstum gestillt, da häufen sich die schlechten Nachrichten. Selbst das Aufsteigerland China fürchtet wieder um die Versorgung seiner Bevölkerung. Die Gegner der Globalisierung sehen sich im Aufwind. Hatten sie nicht immer gesagt, dass freier Handel und internationale Arbeitsteilung die Menschen ausbeutet und dem Preisdiktat von Agrarspekulanten unterwirft?
Die Preissteigerung ist nicht nur schlecht
Reis, Weizen, Mais: Die Preise für alles, was satt macht, verderben armen Familien die Haushaltsrechnung. 880 Millionen Menschen konnten es sich Ende 2007 nicht leisten, genug Essen zu kaufen. Seitdem sind die Preise für Lebensmittel um 40 Prozent gestiegen. Und damit die Zahl jener, für die satt zu werden nicht erschwinglich ist. Mehr als ein Milliarde Menschen dürften es jetzt sein, schätzt Braun. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, das die 70 Millionen am stärksten von Hunger bedrohten Menschen mit Lebensmitteln versorgt, muss seine Portionen rationieren, weil das Budget für Nahrungsmittelkäufe nach den Preissteigerungen nicht mehr ausreicht.
Das Tragische an der Preisentwicklung ist, dass sie eigentlich eine gute Nachricht für arme Länder sein könnte, deren Wirtschaft von der Landwirtschaft lebt, bestätigt Ralf Südfeld vom Welternährungsprogramm. Denn als Erzeuger erhalten sie jetzt ja mehr Geld für ihr Getreide. Tatsächlich profitieren einzelne Produzentenländer wie Brasilien oder Argentinien. Doch 75 Prozent aller Entwicklungsländer kaufen mehr Lebensmittel ein als sie exportieren und leiden deshalb. Fast ganz Afrika ist von Lebensmitteleinfuhren abhängig. Das macht den kranken Kontinent noch verwundbarer durch Preissprünge.
Die gute Konjunktur schlägt auf die Preise
Wer ist für das neue Elend verantwortlich? An erster Stelle steht der globale Aufschwung. Die Bürger Chinas, Indiens, Brasiliens und weiterer Aufsteigerländer essen besser: Sie verbrauchen deutlich mehr Gemüse, aber vor allem mehr Fleisch, Eier und Milchprodukte. Das Getreide wird den Tieren verfüttert und nicht zu Brot oder Fladen gemacht. Um eine Kalorie Fleisch zu bekommen, braucht es vier Kalorien Getreide.
Doch nicht nur in den Schwellenländern, auch in den bitterarmen Nationen machte sich die gute Konjunktur der vergangenen Jahren bemerkbar. Sie verzeichneten Wachstumsraten von 5 Prozent. Gerade in den Hungerländern wird bei mehr Wohlstand vor allem mehr Essen gekauft. Denn Autos, CD-Player und Urlaub können sich die Armen immer noch nicht leisten. Wohlstand aber stimuliert die Nachfrage nach Rohstoffen.
Getreide als Treibstoff
Aber es gibt noch einen weiteren Treiber der Teuerung: Die vor allem von Industrieländern vorangetriebene Förderung von Getreide als Treibstoff. In den Vereinigten Staaten, dem größten Getreideproduzenten der Welt, ist ein Drittel der Maisfläche inzwischen für subventionierte Energiepflanzen reserviert. Jetzt fordern die OECD und andere Entwicklungsorganisationen einen Stopp der Förderung.
Die Rettung aus dieser Not versprechen nur reiche Ernten. Nötig ist eine neue grüne Revolution, die die Ernten ertragreicher macht. Seit Ende der sechziger Jahren sind vor allem dank neuer Getreidezüchtungen die Ernteerträge nach oben geschossen. Allein zwischen 1980 und 1997 stieg die globale Nahrungsmittelproduktion um 60 Prozent. Mangel an Nahrung, so berichtete die Welternährungsorganisation Ende des 20. Jahrhunderts, ist nicht mehr die Ursache von Hungersnöten.
„Die Agrarforschung ist über Jahre vernachlässigt worden“
Doch seit rund zehn Jahren stagniert die Entwicklung. Die Ernten in den Entwicklungsländern wachsen nur noch marginal. Ertragssteigerungen von gerade einem Prozent bei dem entscheidenden Grundnahrungsmittel Reis meldet Achim Dobermann, Forschungsleiter am International Rice Research Institute im Manila. OECD-Direktor für Landwirtschaft Stefan Tangermann klagt an: "Die internationale Agrarforschung ist über Jahre vernachlässigt worden. Jetzt wundert man sich, dass die Agrarwirtschaft nicht hinterherkommt, um den Hunger der Bevölkerung zu stillen."
Reisforscher Dobermann berichtet, dass die Zahl der Wissenschaftler am global anerkannten International Rice Research Institute in zehn Jahren auf knapp 1000 halbiert wurde und dass gleichzeitig zu Lasten der klassischen Disziplinen zur Ernteertragssteigerung neue Forschungsprojekte (etwa zur Frauengleichstellung) eröffnet wurden. Das Institut züchtet mit Hilfe biotechnischer Verfahren "wasserdichte" Reissorten, die zwei Wochen unter Wasser stehen können, und Sorten für Trockengebiete. Doch reif sind sie noch lange nicht.
Künstliche Preisbeschränkungen verschlimmern das Problem
Die wahre Aufgabe ist eine ökonomische: Wie bringt man die Bauern der Welt dazu, mehr aus ihren Feldern herauszuholen? Es muss sich für sie lohnen, ertragreichere Sorten anzubauen und gezielter zu düngen und zu bewässern. Dafür aber müssen die hohen Preise bei ihnen ankommen - als Gewinne.
Leider passiert das Gegenteil: "Die Regierungen von manchen Entwicklungsländern halten Preise niedrig, indem sie Exporte deckeln, Importe verbilligen und Preise festlegen", beklagt OECD-Experte Tangermann. Sie haben Angst vor weiteren Hungerprotesten. Den Bauern fehlen Chancen für den Verkauf und somit das Geld, um es in ertragreichere Anbaumethoden zu investieren.
"Exportverbote sind fatal. Wir müssen im Gegenteil den Handel stärken, um Chancen besser zu teilen", sekundiert Joachim von Braun vom International Food Policy Research Institute.
Aus politischer Sicht kann man die Regierungen armer Länder sogar verstehen, die sich um das Wohl der Bevölkerung sorgen. Schwer wiegt dagegen die Verantwortung der Industrieländer. "Sie haben mit Einfuhrzöllen und anderen protektionistischen Maßnahmen die armen Länder entmutigt, produktive Agrarsektoren zu entwickeln."
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