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Grüße aus Mollywood
Quelle: faz.net

Die konspirative Terroristen-Zuflucht im Bagdad der siebziger Jahre ist in Wirklichkeit eine Wohnung samt Dachterrasse in der marokkanischen Stadt Kenitra. Ins eher triste Häusermeer der Stadt nahe der Atlantikküste hat man im Nachhinein mit digitalen Mitteln einen


protzigen Moscheebau samt Minaretten eingefügt.

So wurde für die Leinwand aus einer maghrebinischen Mittelstadt eine nahöstliche Millionenmetropole. Für den Tigris im Film erweiterte man ein Flüsschen großzügig mit digitalen Mitteln.

Deutsche Produzenten scheinen sich seit einigen Jahren in das nordwestafrikanische Königreich Marokko mit seinem gemäßigten Klima regelrecht verliebt zu haben. Prominentestes Beispiel ist Bernd Eichinger mit seinem „Baader-Meinhof-Komplex“. Der Film, der an diesem Donnerstag in den Kinos anläuft, wurde im Herbst 2007 auch in Kenitra unweit der Hauptstadt Rabat sowie in Ouarzazate im Landesinnern gedreht.

Kleine Details verraten den Drehort

Nicht immer wollte Regisseur Uli Edel allerdings das Lokalkolorit zugunsten einer stimmigen Handlung verändern. So zeigt in einer Einstellung das Innere der Terroristenwohnung, die das Drehbuch in Bagdad verortet, nordafrikanisches Ambiente: Tief gelegte Holzstühle im maurischen Stil oder eine kunstvoll verzierte goldene „Hand der Fatima“ an der Wand verweisen eher auf den „Maghreb“, den arabischen Westen, denn auf den „Maschrek“, den arabischen Osten. Marokko ist schon zu Urzeiten des Kinos ein gern besuchter Drehort gewesen. Im Jahr 1897 reiste Louis Lumière, der zusammen mit seinem Bruder Auguste als französischer Erfinder des Lichtspieltheaters gilt, mit einem Cinématographe in die ehemalige Almoraviden-Metropole Marrakesch, um dort „Le Chevrier marocain“ (Der marokkanische Ziegenhirt) zu drehen. Der kurze Film gilt heute als Auftakt für die Entstehung des Filmlandes Marokko mit seinen atemberaubenden Naturkulissen aus Meeresküste, Stein- und Sandwüste sowie Hochgebirge.

In Marokko entsteht Mollywood

1983 gründete der Besitzer der ersten Hotelkette des Landes, Mohamed Belghmi, in Ouarzazate die Atlas Corporation Studios, in denen unter anderem „Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil“, Teile von Martin Scorseses Tibet-Saga „Kundun“ und die deutsch-französische Großproduktion „Asterix & Obelix: Mission Kleopatra“ mit Gérard Depardieu und Christian Clavier gedreht wurden. Mittlerweile hat sich vor den Toren Ouarzazates ein regelrechter Industriepark entwickelt, in der Größe vergleichbar mit Babelsberg oder den Bavaria-Studios. Einen Namen gibt es auch schon: Auf Hollywood und Bollywood folgt Mollywood.

Marokko (und gern auch Tunesien) sind meist weniger Originalschauplatz denn als eine Folie für jedweden arabisch-islamischen Kontext. So wurden für den „Baader-Meinhof-Komplex“ jene Szenen, die Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) und Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) in einem jordanischen Ausbildungscamp der Palästinenser zeigen, im Wüstenort Ouarzazate nachgestellt. Aber Wüste ist nicht gleich Wüste: Im Hintergrund schimmern die schneebedeckten Gipfel des über 4000 Meter hohen Atlas-Gebirges. Für das Ostjordanische Bergland (Maximalhöhe 1745 Meter) mussten nach den Dreharbeiten die Visual-Effects-Spezialisten am Computerbildschirm tiefstapeln.

Am Set wird nicht gespart

Solche Angleichungen sah man schon im deutschen Fernseh-Zweiteiler „Das Jesus-Video“ (2002). Die auf dem gleichnamigen Roman des Fantasy-Autors Andreas Eschbach beruhende Filmhandlung spielt in der Wüstenregion Israels. Gedreht wurde indes aus Sicherheitsgründen in Marokko, was man an französischsprachigen Schriftzügen auf Häuserwänden erkennt. Für die auch am „Jesus-Video“ beteiligte Münchner Produktionsfirma Constantin Film hat sich Marokko im „Baader-Meinhof-Komplex„ als idealer Drehort erwiesen, wie die verantwortliche Herstellungsleiterin Christine Rothe sagt.

Die Drehorte sollen auch für das nächste Constantin-Großprojekt „Die Päpstin“ verwendet werden. Regisseur Sönke Wortmann ist beeindruckt von den antiken Rom-Sets in Ouarzazate, wo sein britischer Kollege Ridley Scott die mediterranen Monumental-Kinoepen „Gladiator“, „Königreich der Himmel“ und aktuell „Der Mann, der niemals lebte“ mit Leonardo DiCaprio gedreht hat. Getreu dem Scottschen Arbeitsmotto „Wir drehen keine Dokumentation, sondern einen Kinofilm“ wurden manche Originalschauplätze sogar nach Hollywood-Maßstäben überdimensioniert. In Aït-Ben-Haddou - immerhin Unesco-Weltkulturerbe und 1962 Drehort für „Lawrence von Arabien“ - ließ Scott für „Gladiator“ sogar ein Stadttor zusätzlich hochziehen.

Sicherheit und gute Infrastruktur überzeugen

Weniger radikal hat der Münchner Filmproduzent und Autor Ulrich Limmer („Schtonk!“) die marokkanischen Wüstenorte genutzt. Für seine märchenhafte Kinderbuch-Verfilmung „Lippels Traum“ unter der Regie von Lars Büchel konnte Limmer auf die vielen Set-Kulissen in Ouarzazate zurückgreifen, aber auch auf die Oase Erfoud im Osten, um getreu der Vorlage von Paul Maar einen kindgerechten Phantasie-Orient aus Sand, Palmen und phantastischen Kuppelstädten zu kreieren. Limmer lobt das hervorragende einheimische Drehteam: „In Marokko profitiert man von einer gut ausgebauten filmtechnischen Infrastruktur und hohen Sicherheitsstandards.“

Die beste Werbung für das Filmland Marokko brachte allerdings ein Projekt ins Rollen, das gar nicht aus dem Land stammt: Kein einziger Filmmeter von „Casablanca“ ist in Afrika gedreht worden. Gleichwohl hat der vollständig in Hollywood gedrehte Klassiker von 1942 der mittlerweile größten Stadt Marokkos zu unsterblichem Ruhm verholfen.

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