|
|
Frankreichs Justizministerin Rachida Dati
 |
|
Madame beliebt zu reizen
Sie ist eine junge Frau aus bescheidenem Hause, Tochter von Einwanderern: Rachida Dati hat es in Frankreich bis zur Justizministerin gebracht - dass sie ihre Ziele konsequent durchboxt, trägt ihr jedoch nicht nur Bewunderung ein.
|
Das ist so eine Karriere, wie man sie sich erträumt, wenn man jung ist, aber wer erlebt so etwas schon. Rachida Dati ist im Schachspiel des Nicolas Sarkozy eine wichtige Figur, vielleicht sogar die Dame.
Eine junge Frau aus einer Vorstadt, Tochter aus bescheidenem Hause, Immigrantenmilieu, Französin erst in zweiter Generation. Ihren Aufstieg verdankt die Richterin der Fähigkeit, einflussreiche Menschen, Männer überwiegend, auf sich aufmerksam zu machen. Um ihren Erfolg als Sarkozys Justizministerin zu sichern, ist sie mehr auf die eigene Kampfkraft angewiesen.
Wenn man sie zwischen reiferen Herren in gedeckten Anzügen oder schwarzen Roben sieht, dann fällt ihre Haltung ganz besonders auf. Es ist diese Eleganz, die vielleicht eine Winzigkeit über das Maß hinausgeht, das einer Justizministerin zusteht.
Sie bewegt sich leicht, auch wenn eine gewisse Anspanung zu spüren ist.
Der Einwand trägt aber nicht, denn Rachida Dati ist sich selbst Maßstab genug. Sie bewegt sich leicht, sehr leicht, weil sie klein und überaus schlank ist; auch wenn eine gewisse Anspannung zu spüren ist, wirkt sie doch gelassener als all die umstehenden Herren.
Eine Reihe von energischen Frauen sind seit dem Sieg des Nicolas Sarkozy in die erste Reihe der Politik aufgerückt, doch ist keine so weit vorn wie Rachida Dati. Seitdem die Republik keine First Lady mehr hat, gehört sie zu den meistbeachteten Frauen Frankreichs. Sie wäre bei ihrer Statur, bei all ihrer offenkundigen Verletzlichkeit, jung genug, um bei den gestandenen Herren der Justiz Beschützerinstinkte zu wecken. Stattdessen ist sie ihnen unheimlich.
Ob sie das Zeug zum Liebling der Nation hat, ist noch nicht entschieden, aber ein Star ist sie jetzt schon. Illustrierte Zeitungen und politische Magazine gleichermaßen heben sie aufs Titelbild. Sie ist nicht die erste Frau im Ministerium an der Place Vendôme, aber so fulminant ist noch keine dahergekommen.
Wie ihr Förderer Nicolas Sarkozy selbst ist sie die gebündelte Energie, bewältigt ein Pensum, bei dem nur wenige mithalten können. Wie der Chef ist sie aber auch den schönen Dingen des Lebens nicht abgeneigt, nur wann um Himmels Willen finden sie die Zeit für ein bisschen Luxus, der immerwährende Arbeit kompensiert.
Wie so viele, die sich nach oben kämpfen mussten, versucht sie ihre Herkunft vergessen zu machen, nimmt die Allüren der Arrivierten an. Ob sie dem Präsidenten nun, da seine Frau ihn endgültig verlassen hat, die Anzüge aussucht?
Mit ihrer knabenhaften Figur kann sie jede Mode tragen. Sie wird ihren eigenen Chic pflegen - "das habe ich immer getan" - und sie mag sich nicht dafür rechtfertigen, dass sie das Modehaus Dior zum Jubiläum des Unternehmens mit ihrer Gegenwart beehrt hat, obwohl das kaum ihr Ressort berührt. Der Premierminister, der auch da war, habe darum gebeten.
Sarkozy hat einmal gesagt, jeder von seinen Ministern könne auf seine Weise arbeiten, für ihn zählten nur die Ergebnisse. Rachida Dati gehört zu den wenigen Ressortchefs, denen er nicht ins Handwerk regiert. Sie drückt eine Reform nach der anderen durch und wischt jeden Widerstand weg.
Mindeststrafen für Wiederholungstäter hatte Sarkozy in seinem Wahlprogramm angekündigt: Gegen die Proteste der Fachleute hat die Ministerin ein Gesetz durchs Parlament getrieben. Sie wird die Landschaft der Gerichte im Lande verändern, löst die kleinen Tribunale auf im Namen der Effizienz.
Sie scheut sich nicht, ihren Feinden in die Augen zu schauen
Dabei macht sie sich Feinde und scheut sich nicht, ihnen in die Augen zu schauen. Das ist ganz die Methode Sarkozy: Man erläutert dem Gegner, was man ihm antun wird und lässt sich nicht beirren, nicht von Sprechchören, nicht von Schmähungen.
Ob sie recht hat oder nicht, Mut hat sie allemal. Als sie in einer Fernsehsendung die hohen Herren von den Kassationsgerichten als "kleingepunktet" bezeichnete, was bei uns als kleinkariert gilt, erschienen bei der nächsten Veranstaltung die Richter aus Protest alle mit gepunkteten Schlipsen.
Unablässig und seit vielen Wochen erträgt sie diese Wut und die Verbitterung von Richtern, Anwälten und einfachen Justizangestellten. Am Ende wird sie in 15 mittleren Städten gewesen sein, wo sie so kühl und so gelassen wie möglich den alteingesessenen Juristen mitteilt, dass sich ihr Leben ändern wird. Manche halten sie deshalb für kaltschnäuzig.
Das alles im Auftrag des Präsidenten, der sie hat wissen lassen, dass die große Aufgabe vor den Kommunalwahlen im kommenden Frühjahr beendet sein muss. Sie und Sarko erzwingen, was keinem zuvor gelungen ist.
|
Dabei ist sie nur eine kleine Richterin gewesen, hat kaum fünf Jahre lang die schwarze Robe getragen, bevor sie ihre Karriere neu und anders ausrichtete. Das war zu kurz, um sich einen Namen in Justizkreisen zu machen. Nun changiert sie zwischen Arbeitstier mit ungeheurem Ausstoß - nur Sarkozy scheint noch mehr zu arbeiten - und Mode-Ikone.
|
|
Und doch erscheint das Lächeln der schönen Frau Dati über die Monate ein wenig künstlicher, manchmal schon gequält. Während Sarkozy ein Armani-Typ ist und doch viel Aufgeregtheit ausstrahlt, ist ihre
Dior-Eleganz von aufreizender Erlesenheit.
In der Welt der Provinzgerichte vergrößert das nur die Kluft. "Madame, Sie mögen 14.000 Euro im Monat verdienen, wir haben 1400", ruft ihr eine Beamtin in Guingamp, oben im Norden, zu. "Und was machen wir, wenn unser Tribunal geschlossen wird?"
Datis Versuch, Verständnis zu zeigen, geht in die Irre: "Wenn ein Job sich ändert, gibt das immer Aufregung." Früher haben Justizminister nicht so von Arbeit und Aufgabe der Justiz gesprochen.
Das Amt des Garde des Sceaux, des Siegelbewahrers, wie der Justizminister seit dem Mittelalter genannt wird, ist eines der großen Ämter, die das Land, egal ob Monarchie oder Republik, zu vergeben hat. Berühmte Männer haben an der Place Vendôme residiert, Revolutionäre wie Georges Danton und künftige Präsidenten wie François Mitterrand.
Eine Aufsteigerin wie Rachida Dati gab es noch nie. Sie wird nicht nebenan ins Ritz gehen, das wäre vulgär. Mit Cécilia Sarkozy traf sie sich eher im Hotel Bristol, das weniger protzig ist.
Vielleicht spielten auch symbolische Gründe eine Rolle bei ihrer Berufung, die zu anderen Zeiten als exotisch gegolten hätte. Sarkozy hat sie nicht nur wegen ihrer Kompetenz ausgesucht, es gibt kompetentere Juristen, sondern weil er ihre Herkunft, die oft genug als Handicap gilt, ins Positive wenden wollte. Die Jugend in den Vorstädten sollte sehen, wie weit man es als "Métèque", wie Georges Moustaki sich selber im Chanson sieht, wie weit man es als "Kanake" bringen kann. Sarkozy selbst ist ja auch Franzose erst in der zweiten Generation.
Schon im Gymnasium gehörte die junge Rachida zu den Meinungsmachern, war nicht die, die folgte, sondern diejenige, die führte. Ihrem alten Direktor ist sie in Erinnerung geblieben wegen ihres Hungers nach Wissen und nach Anerkennung.
Das Gymnasium in Chalon-sur-Saône hieß treffenderweise "Le Devoir", die Pflicht, und wurde als Privatschule von katholischen Geistlichen geführt. Die Muslimin Rachida lernte den Katechismus wie alle anderen auch, aber sie konvertierte nicht. Die Eltern, ebenso bescheidene wie strebsame Leute, die selbst als Analphabeten nach Frankreich gekommen waren, wussten, dass nur Bildung und Ausbildung aus der Armutsfalle herausführen und dass die staatliche Schule in den Banlieues diese Chance nicht garantieren würde. Von den zwölf Kindern des algerisch-marokkanischen Paares sind fast alle gut geraten, nur zwei Brüder machen Sorgen. Einer wurde neulich wieder mal wegen Drogenhandels verurteilt.
Der Preis für den Aufstieg der Rachida Dati ist ein Arbeitspensum, das nur Besessene zu leisten vermögen. Wer ihr Tempo nicht mithalten kann oder einfach nicht will, weil es ein Leben außerhalb der Politik gibt, bleibt auf der Strecke. Die Dame von der zarten Gestalt hat eine ganze Reihe frustrierter Männer auf dem Gewissen.
Mehr als ein halbes Dutzend engster Mitarbeiter sind ihr davongelaufen, darunter ihr erster Kabinettschef. Der wollte seine Braut wenigstens gelegentlich vor Mitternacht sehen. Als er, ein vormaliger Generalstaatsanwalt und Rektor einer Richterakademie, den autoritären Stil seiner Chefin nicht länger ertragen wollte und den Dienst quittierte, schob er in aller Loyalität seine bevorstehende Hochzeit vor. Frau Dati trat nach: "Man kann Verliebte nicht aufhalten."
Man möchte sie nicht zur Gegnerin haben, aber hat sie Talent zu einer guten Freundin? Geradezu schwärmerisch hatte sich Cécilia Sarkozy, als sie noch die Erste von allen war, über die Jüngere ausgelassen, hatte sie gar ihre Schwester genannt, "mehr als eine Freundin", und fast klang es nach einem Schwur ewiger Treue, als Cécilia noch hinzufügte: "Ich werde sie niemals fallenlassen."
Als Cécilia vorvergangenes Jahr sich schon davongemacht, sich mit einem anderen Mann nach New York begeben hatte, da war es Rachida Dati, die wenigstens einmal täglich die Zeit fand, die beste Freundin anzurufen. Nie seien ihr schönere Dinge gesagt worden, berichtete Cécilia später. Nach den Kriterien der Karriereplanung war das genial. Cécilia war es, die ihren Mann überzeugte, die junge Referentin zur Ministerin zu berufen. Inzwischen ist sie nicht mehr die Frau des Präsidenten und nach vollzogener Scheidung, da Cécilia womöglich einsamer ist, als sie sich das vorgestellt hatte, hört man, dass Rachida kaum noch anläutet.
Schon als der Präsident noch seine Frau zur Seite hatte, gehörte Rachida Dati fast zur privaten Entourage, war selbst Gast auf Fort Brégançon am Mittelmeer, der Sommerresidenz des Präsidenten, oder bei der Ferienreise vorigen Sommer nach Maine und Connecticut.
Machtkämpfe unter den Frauen in Sarkozys Gefolge :
Seit Cécilia weg ist, ist sie bei jedem Staatsbesuch mit von der Partie. Ob in Marokko oder jetzt in Algerien, ob bei George Bush in Washington oder neulich beim Staatsbesuch in China. Es gibt sogar Positionskämpfe unter den Frauen in Sarkozys Gefolge, und Rachida Dati hat auch schon mal eine Konkurrentin weggebissen.
Die Staatssekretärin Rama Yade, auch jung und schön, wurde gegen ihre Erwartung nicht mit nach Peking genommen - wegen der "Rivalität" der beiden Frauen "am Rande einer Nervenkrise", die dem Boulevardblatt France Soir die Titelseite wert war. Rachida Dati hat die Neigung des Präsidenten, wie platonisch die auch sein mag.
Mit Sarkozy verbindet sie zudem ein Machtbewusstsein, das sich in unbesonnenen Momenten als Arroganz äußert. Seine Feinde sind auch die ihren. Man muss sich nur die Sentiments derer vorstellen, denen ein Erfolg wie der ihre unbehaglich ist.
Jacques Chirac zum Beispiel wird Madame Dati noch vor Jahresfrist kaum wahrgenommen haben, und nun äußert sie sich bemerkenswert kühl als Justizministerin dazu, wie er wegen alter Geschichten von einer Richterin vorgeladen wurde. Die zuständige Magistratin, sagte Rachida Dati, die selbst gerade noch eine kleine Magistratin war, handele "voll verantwortlich", weil sie "über Tatsachen verfügt, ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einzuleiten". Gerade weil das zutrifft, hat die Einlassung den Hautgout der Hochmütigkeit.
Mit ihren 42 Jahren ist sie dem Gipfel nahe. Und doch fehlt ihr, was die Politikerin ausmacht, was den Vorgängerinnen selbstverständlich war. Nächstes Frühjahr wird sich Rachida Dati erstmals dem gewöhnlichen Wähler stellen. Zu den Kommunalwahlen tritt sie an im Siebten Arrondissement in Paris, und es wäre ein politisches Erdbeben, sollten die Konservativen in diesem Stadtbezirk verlieren. Indigniert und grummelnd haben sich die Kommunalpolitiker dem Wunsch Sarkozys gebeugt und ihr den ersten Platz auf der Liste überlassen.
Dati zeigt sich gehemmt, wenn sie für sich selbst werden soll
Wie ein Fürst seine Vasallen mit einem Lehen betraut, so sorgt Sarkozy für seine enge Vertraute. Als sie neulich erstmals ihre neue politische Basis bei einer Parteiveranstaltung besuchte, zeigte sich, dass Rachida Dati sehr gehemmt sein kann, wenn sie für sich selbst werben soll.
Trickreich in der Taktik, überzeugend im Gespräch, aber unsicher in öffentlicher Rede musste sie jedes Wort ablesen, verschwand fast hinter dem hohen Pult. Sie habe nicht viele Wahlkämpfe hinter sich gebracht, "aber mein letzter ist nicht schlecht gelaufen". Genau das war's: Sie war eine der Sprecherinnen von Sarkozy im Präsidentschaftswahlkampf, und dieses erste Mandat ist der Lohn.
Der Präsident ist immer noch am Anfang seiner Amtszeit. Wenn das Spiel heißer wird, dann wird es auch Opfer geben, Bauernopfer zunächst. Die Dame bleibt die wichtigste Figur auf dem Brett, aber selbst sie ist nicht unverzichtbar. |
Quelle: sueddeutsche.de
|
Home | Suche | Werbung | Marokko| Kontakt |
|
|
|
|