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Von Ingrid Thurner
Die Ruinen von Marrakesch

Wenn irgendwo auf der Welt das Klischee von der Stadt der Gegensätze zutrifft, dann ganz gewiss in Marrakesch. Nichts, was die Reichen hier vermissen müssten, nichts, was die Armen

hier verlocken könnte, und der Mittelstand wird sukzessive abgeschafft.

Wo Könige Golf spielen, die Franzosen Liebesnächte verbringen und 365 Tage im Jahr Hochsaison herrscht, können Bettler, Schuhputzer und Straßenhändler kaum überleben, weil sie von der Polizei von den lukrativen Plätzen vertrieben werden.

Die elegante Welt

In früheren Tagen fanden sich intellektuelle und künstlerische Eliten ein, Gide, Hofmannsthal, Churchill, Sartre und Beauvoir, Orwell, Saint-Exupéry, Elias Canetti, Allen Ginsberg, William Burroughs, Oskar Kokoschka, Hubert Fichte, Arthur Koestler, um nur wenige zu nennen. Heute ist es die Möchtegernprominenz, die von Film und Fernsehen produziert wird, die – wie in der Regenbogenpresse nachzulesen ist – kurzurlaubt, Häuser kauft und die Preise in die Höhe treibt.

Nichts ist für Marrakesch zu teuer. Es begann vor einigen Jahren mit Behübschung und Begrünung. Zunächst wurden an den Ein- und Ausfallstraßen Rosenstöcke und Orangenbäume gesetzt, die Rabatten wurden immer breiter, die Alleen immer länger. Dann wurden allerorts Rosen gepflanzt, rund um die Kutubia etwa und beim Bab al-Mallah, allerdings bloß westlich der Altstadt, östlich nicht, denn dort liegen die Wohngebiete der Armen. Die Gärten wurden nicht nur angelegt, sie werden auch gehegt, allein die Wartung und Bewässerung von Millionen, vielleicht Milliarden von Rosenstöcken vernichtet Volksvermögen.

Für die Pflege des Palmenhains hingegen, der Marrakesch gegen Norden zu umgibt und der schon im 11. Jahrhundert zur Zeit der Stadtgründung angelegt wurde, fehlt das Wasser, das in die Luxusvillen, Luxusherbergen und den Golfplatz geleitet wird. Die Palmen vertrocknen, die Datteln verdorren, nur damit anderswo Rasen gesprengt werden kann.

Menschenleeres Viertel

Wie alle anderen Metropolen zerfranst auch Marrakesch an den Rändern, gegen Agadir hin, gegen Fes hin, gegen Casablanca sowieso, dort erhebt sich inzwischen ein Klein-Vösendorf, was nur leicht übertrieben ist.

Nur gegen den Hohen Atlas hin sieht es anders aus. Dort, nicht allzu fern vom Hotel Mamounia, wo hinter dem Casino das Villenviertel Hivernage nie ausuferte, sondern die Avenue de la Manara die Stadt nach Süden zu begrenzte, wurde in wenigen Jahren eine ganze Neustadt aus dem Boden gestampft – eine merkwürdige Neustadt, denn niemand wohnt in ihr.

Es begann mit der Avenue de France, die schon immer so teuer war, dass sich nur die wenigsten dort eine Immobilie leisten konnten. Sie wurde zunächst umbenannt in Avenue Mohammed VI., ein Tribut an den König, der sich selbst gern und häufig in seinem Palast hier aufhält. Das Klima behage ihm mehr, heißt es, als die atlantikfeuchte, hauptstädtische Luft in Rabat. Dann wurde die Chaussee verlängert, Kilometer um Kilometer, mit Rosenbüschen bestückt, mit Laternen und Bänken versehen, manche Pergola erhebt sich, Wasserbassins, Springbrunnen, Schilfbecken, sogar ein Labyrinth aus Gebüsch gibt es hier.

Moderner Verfall

Aber die Straße, so prächtig sie ist, liegt verlassen da, bloß morgens sieht man ein paar Läufer, zum Promenieren ist Marrakesch zu heiß, und ohnedies lebt niemand in der Gegend.

Denn die neuen Siedlungen sind unbewohnt, manche Häuser noch gar nicht fertiggestellt, doch schon wieder dem Verfall preisgegeben: keine Autos auf den Vorplätzen, kein Hund, der bellt, kein Kind, das einem Ball nachläuft, keine Dienstboten, die Besorgungen machen, keine Gärtner, die Hecken schneiden, keine Bettler, die im Abfall wühlen.

Ein Stück weiter stadtauswärts, wo vor kurzem noch Olivenbäume Spalier standen, reihen sich Baustelle an Baustelle, Kran an Kran, Appartementhäuser, Hotels, Konferenz- und Geschäftszentren, Golfplätze – was immer da entstehen mag, es sieht so aus, als wolle man Dubai konkurrieren. Es ist dies übrigens nicht der einzige neue Stadtteil, auch in anderen Gebieten, etwa nach Norden zu, wird gebaut und gebaut.

Es sind keine Betonbauten – den Fehler hat man nicht gemacht –, sondern hübsche, zuweilen sogar schöne Häuser, eher Villen, alle gleich und doch jede anders, orientalisierend im Baustil, in jenem genau richtigen Maß an Orientkitsch, dass sie gefallen müssen. Hunderte, wenn nicht Tausende von Villen, die verlassen in der Ebene vor dem meist schneebedeckten Hohen Atlas liegen, alle ockerfarben verputzt. Aber wer würde hier wohnen wollen, im Nirwana von Marrakesch, wo auf die Infrastruktur vergessen wurde, wo die Flugzeuge zum Landeanflug ansetzen, im Abseits eines städtischen Raumes, in dem es keine Parkplätze mehr gibt und noch keine Radwege? Welchem Zweck dienen diese Bauten?

Es wird viel gemunkelt in Marrakesch, denn die Marokkaner sind begnadete Verschwörungstheoretiker. Von Investitionen aus dem Vorderen Orient ist die Rede, von Finanzspekulation in großem Stil, von Drogengeldern aus aller Welt, die hier gewaschen werden, was im Bau recht einfach ist; von der Gier nach schnellem Reichtum, von Unwissenden, die ihr Erspartes den Immobilienfonds überlassen. Und die Regierung? Profitiert davon: Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, die Baubranche hat Hochkonjunktur, und alle vor- und nachgelagerten Industrien und Gewerbe ebenso – zumindest kurzfristig.

Inzwischen fallen die Immobilienpreise. Doch es war ohnedies nie geplant, dass hier jemand wohnt, anders ausgedrückt, die Vermögen sind bereits gescheffelt, wenn die Häuser gebaut sind, ob da jemand einzieht, ist nicht mehr wichtig.

Die jeweils zuständige Gesellschaft erklärt sich für zahlungsunfähig, der Strohmann, der seinen Namen hergeben musste, wird geopfert und landet im Gefängnis, was von vorneherein geplant war, die Gesellschaft gründet sich anderswo in anderer Konstellation unter anderem Namen neu. So munkelt man in Marrakesch. Verlierer sind die kleinen Leute überall in der Welt, die ihre Spargroschen den Fonds hinterherwarfen – den Ratschlägen von Experten folgend, von Bankmanagern, Vermögensberatern, Analysten, Ratingagenturen.

Ähnliches ereignet sich in der Altstadt. Da gibt es den Riad, eigentlich ein Gebäude mit großem begrüntem Innenhof, bewohnt von einer begüterten Familie. Diese Häuser wurden aufgegeben, als die Reichen in die Neustädte zogen oder sie wurden von armen Zuzüglern besiedelt. Dann lagen sie, manche mehr, manche weniger, in Ruinen und konnten um einen Spottpreis gekauft werden.

Und dann kam die Riad-Mode. In zehn Jahren verzehnfachten sich die Preise, und schließlich gab es unter 300.000 Euro nichts mehr zu haben. Natürlich gibt es keinen Riad mehr, es sind schon alle renoviert und verkauft. Aber die Nachfrage schuf Angebot, es wurden ganze Straßenzüge ausgehöhlt, Häuser abgerissen, (niemand fragt, was mit den Bewohnern geschah), und dafür wurde ein neuer alter Riad neben den anderen hingestellt. Viele von ihnen wurden in Hotels umgebaut, vor allem in der Anfangsphase, dabei sind sie von der Anlage her denkbar ungeeignet für ein Hotel – nur zu Fuß erreichbar, winzige Räume, verwinkelte Gänge, steile Treppen – , und die Mode wird so schnell, wie sie begonnen hat, zu Ende gehen.

Aber bevor es so weit ist, wollen noch möglichst viele möglichst viel Geld verdienen. Dafür wird auch der eine oder andere Skandal in Kauf genommen. Es wurde entdeckt, dass bei Zimmerpreisen von mehreren Hundert Euro pro Nacht die Angestellten schwarz beschäftigt wurden, dass man ihnen nicht einmal den staatlichen Mindestlohn bezahlte, geschweige denn, sie bei der Sozialversicherung meldete und die Abgaben abführte. Es wurde entdeckt, dass vor der Kulisse von Mosaiken, Springbrunnen, Stuck und Zedernholzbalustraden Pornofilme mit Minderjährigen gedreht wurden. Die männlichen und weiblichen Darsteller wurden jeweils in den Armenvierteln rekrutiert. Seit 2005 haben mehrere Skandale um Kinder- und Homosexuellenprostitution und -pornografie die Stadt geschüttelt.

Mittlerweile scheint der Hype vorbei. Spätestens seit dem letzten Sommer sinken die Preise für Luxusimmobilien, der Markt war überschwemmt. Fantasiesummen für desolate Altstadthäuser werden nur im Aufschwung bezahlt, nicht im Abschwung.

Aber inzwischen ist die Stadtstruktur kaputt, mindestens die Altstadtstruktur.

Stadtleben für Fremde

Jedenfalls wurden 400 Riad (wirkliche oder sogenannte, denn keineswegs alles, was das Etikett Riad trägt, ist auch einer) in Hotels und Gästehäuser umgewandelt. Die einheimischen Bewohner ziehen weg, die einen, weil sie verlockenden Angeboten zum Verkauf nicht widerstehen konnten, die anderen, weil es ihrer Tradition nicht entspricht, von den Dächern aus zusehen zu müssen, wie sich auf Terrassen und in Innenhöfen halb oder ganz Nackte sonnen. Daher ist heute manche Gasse bloß noch von Ausländern bewohnt.

Annähernd kaputt ist auch der Suq. In vielen Texten, vor allem in Reiseführern, wird der Suq von Marrakesch verklärt. Dies mag daran liegen, dass der eilige Besucher der Harmonie von Farben, Tönen und Gerüchen und seiner Begeisterung darüber erliegt.

Doch bleibt demjenigen, der nur ein oder zwei Tage in der Stadt verweilt, verborgen, dass die traditionelle Struktur weitgehend verloren ist. Dies liegt nicht daran, dass der Esel vom Moped als Transportmittel verdrängt wurde. Sondern an dem Umstand, dass es – mit Ausnahme der Schmiede – kaum noch Handwerker gibt. Die Färber etwa sind fast ausgestorben, denn an der touristischen Hauptdurchzugsroute, die durch den Suq as-Sabaghin führt, lassen sich mehr und mehr Händler nieder, weil die Mieteinnahmen durch die Souvenirläden allemal höher sind als die Gewerbeeinnahmen, zudem sind sie mit weit weniger Arbeit verbunden.

Die Betreiber der Souvenirläden nun sind Meister der Präsentation ihrer bunten Dinge, und vielleicht nirgendwo auf der Welt wird die Ware so kunstvoll drapiert und in farblicher Abstimmung dargeboten, was dem Suq sein malerisches Aussehen verleiht. Doch sind diese Dinge ausschließlich für den Verkauf an Ausländer bestimmt, kein Marokkaner beachtet sie. Man muss häufig oder für längere Zeit in der Stadt gewesen sein, um dies zu bemerken. Am augenfälligsten ist es an den hohen islamischen Feiertagen. Dann sind in ganz Marokko nur die Souvenirläden für den touristischen Bedarf geöffnet, die Geschäfte für Einheimische bleiben geschlossen, denn es würde sich kein Interessent zeigen. In der Altstadt von Marrakesch aber ist auch an solchen Tagen der Großteil der Geschäfte geöffnet, weil man auf ausländische Käufer setzt. So gilt Hans Magnus Enzensbergers Erkenntnis, dass der Tourismus zerstört, was er sucht, indem er es findet, auch in Marrakesch. Dennoch wird der ausländische Besucher den Suq von Marrakesch als unvergleichlich empfinden und vielleicht als eindrucksvoller als jeden anderen der Welt. Dieser Handelsplatz ist eben von Tourismusprofis hergerichtet.

Es wäre allerdings falsch, die Zerstörung altstädtischer Strukturen der Immobilienspekulation und der nachfolgenden Krise in die Schuhe zu schieben. Diese Entwicklungen sind älter, sie nahmen ihren Anfang spätestens in der französischen Protektoratszeit, die in Marokko 1912 begann. Die maghrebinische Finanzspekulation hat ihnen bloß die Krone aufgesetzt. Aber während die neue Neustadt bei Bedarf mit einer Armada von Baggern und Lastwagen spurenlos beseitigt werden kann, ist das, was eine arabische Altstadt ausmacht, in Marrakesch für immer dahin.

Ingrid Thurner, geboren 1954, ist Lektorin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien.

 

Quelle:wienerzeitung.at

 

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