TANGER. Ruhig rollt der Geländewagen über die Autobahn. Die Teerdecke ist tief schwarz, der weiße Mittelstreifen glänzt in der Sonne - kein einziges Schlagloch, kein störendes Steinchen. Die Autobahn ist nagelneu und führt von der nordmarokkanischen Stadt Tanger zum gerade mal ein Jahr alten, 35 Kilometer entfernten Hafen Tanger Med. Die Straße ist ein Symbol für den Aufschwung der Region.
"Vor einem Jahr war das hier nur eine große Staubwolke", sagt Corinna Romke vom Bremer Containerterminal-Unternehmen Eurogate. Der Konzern gehört zu den ersten Investoren im Hafen. Gerade ist ihr Container-Terminal fertig geworden - für 140 Millionen Euro. Von hier sollen ab 2 009 jährlich über eine Millionen Container verschifft werden. Insgesamt erwarten die Hafenbetreiber sieben bis acht Millionen Container pro Jahr. Denn die Straße von Gibraltar liegt strategisch günstig auf der Verbindung von Fernost nach Europa und an die Ostküste der USA.
"Tanger ist für uns ein idealer Investitionsstandort. Wir sind nur 14 Kilometer von Europa entfernt und haben nordafrikanische Lohnkosten", sagt Domenico Bagalà, der die marokkanische Filiale von Eurogate leitet. Ein leitender Ingenieur etwa verdient in Marokko gerade einmal 1000 Euro, ein durchschnittlicher Arbeiter bekommt 300 bis 400 Euro im Monat. Das ist verlockend - für viele ausländische Unternehmen.
Sie entdecken den Norden Marokkos als neuen Investitionsstandort vor den Toren Europas. Das Geschäft läuft so gut, dass die marokkanische Regierung bereits den Ausbau des noch nagelneuen Hafens veranlasst hat. Eigentlich hätte der erst in 15 Jahren beginnen sollen, aber der Ansturm ausländischer Firmen ist zu groß. Jetzt soll die zweite Ausbauphase bereits Ende dieses Jahres fertig gestellt werden.
Der Autokonzern Renault-Nissanbaut gerade eine riesige Fabrik auf einem Gelände von 300 Hektar mitten im Hafengebiet. Hier sollen jährlich über 400 000 Fahrzeuge vom Band laufen - bestimmt für Nordafrika und Europa. Über eine Milliarde Euro hat sich das Unternehmen den Standort kosten lassen.
Vor ein paar Jahren war ein solcher Boom völlig unvorstellbar. Marokko konzentrierte damals alle Wirtschaftsprojekte auf die Region rund um die Business-Metropole Casablanca. "Der Norden Marokkos war ein totes Dreieck. Es gab keine Straßen, keine Bahnverbindungen - nur kahle Berge mit Schafsherden. Es war eine der ärmsten Regionen in unserem Land", sagt Youssef Bencheqroun von der Hafenbetreibergesellschaft TMSA, die in staatlicher Hand liegt. Aber der noch junge König Mohammed VI., hat es vor fünf Jahren zu seinem persönlichen Projekt erklärt, die Region weiter zu entwickeln, in der er jedes Jahr seinen Sommerurlaub verbringt.
"Wir haben klare Vorgaben aus dem Königshaus bekommen: Das wichtigste Ziel für uns ist es, Arbeitsplätze zu schaffen. Bis 2015 erwarten wir 150 000 neue Jobs in der Region", sagt Bencheqroun. Allein Renault schafft über 6 000 Arbeitsplätze.
Und nicht nur der Hafen blüht. Die Region will auch vermehrt Touristen anlocken. Die Immobilienpreise sind noch relativ moderat. An der gesamten Küste entstehen zurzeit riesige Appartement-Parks und Villen.
Die Rettung des Nordens lässt sich Marokko einiges kosten. 3,5 Mrd. Euro wurden allein in die Infrastruktur im und rund um den Hafen investiert - 750 Millionen davon in Straßen- und Schienenanbindungen.
Außerdem bekommen die ausländischen Unternehmen ein ganzes Paket an Vergünstigungen. Sie müssen, weil sie sich in einer Freihandelszone befinden, keinen Einfuhrzoll und keine Mehrwertsteuer zahlen. Sie können ihre Güter ohne zusätzliche Kosten entladen, umpacken und nach Europa weiter transportieren. Außerdem müssen sie in den ersten fünf Jahren keine Steuern auf ihre Gewinne bezahlen, in den darauf folgenden 20 Jahren nur knapp neun Prozent.
Allerdings hat die marokkanische Regierung auf zusätzliche Subventionen - zum Beispiel billiges Bauland oder günstige Wasser- und Strompreise - verzichtet. "Wir wollen, dass die Unternehmen langfristig bei uns bleiben. Sie müssen wegen der günstigen Lage, der Infrastruktur und der guten Dienstleistungen kommen, nicht wegen der Subventionen", sagt Bencheqroun. Tanger Med und die Küste sollen zum neuen Aushängeschild Marokkos werden. Und da wird nichts dem Zufall überlassen. Bis ins kleinste Detail kümmert sich sogar der König persönlich um sein neues Prestigeprojekt: