Volle Stauseen, großer Durst
Der Weltwassertag soll aufrütteln: bereits 2013 kann die Hälfte der Weltbevölkerung laut UNESCO nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgt werden. In Marokko sind zwar die Staudämme randvoll, die Prognosen aber düster. Von einer Wasserkrise will die Regierung trotzdem nichts wissen.
Es ist ein ungewöhnliches Bild für Marokko: Die Grillen zirpen, überall leuchten Blumen, die Reiher spazieren durchs hohe Gras. Der streng bewachte Stausee Sidi Mohamed Ben Abdellah ist randvoll, so voll wie seit Jahren nicht. Herr Ankri ist der Chef der Anlage, und er ist glücklich: ''Es ist eine außergewöhnliche Situation, in ganz Marokko sind die Stauseen voll'', sagt er. Das ist die gute Nachricht. Denn acht Millionen Menschen in Rabat, Casablanca, Sale und Umgebung werden allein aus diesem Stausee mit Trinkwasser versorgt.
Speichern für schlechte Zeiten
Doch vor kurzem drohte die wichtigste strategische Reserve des Königreichs - das Wasser - zur Neige zu gehen. Mohamed Tuji, Abteilungsleiter im Wasserministerium, ist der Herr der Dämme in Marokko. Der Ingenieur gebietet über 125 große und Hunderte kleine Staudämme. Jedes Jahr plant er fünf weitere - aber es ist ein Wettlauf mit der Zeit: ''Im Laufe eines Jahres sind die Regenfälle auf eine Periode von drei bis vier Monaten konzentriert'', erklärt Tuji. Im Norden Marokkos habe man zwar zwischen 1500 und 2000 Millimeter Niederschlag jährlich, im Süden gebe es aber auch Regionen mit weniger als 100 Millimetern Regen pro Jahr.
''Der Wassermangel wird sich weiter verschärfen''
Um das Speichern von Wasser wird Marokko deshalb nie herumkommen. Doch kahlgefressene Hänge und abgeholzte Wälder gefährden die Wassergewinnung, warnt Ingenieur Tuji. Mit dem Regen gelangt zu viel Erdreich in die Stauseen: Jedes Jahr gehe die Kapazität eines riesigen Staudamms durch die Folgen der Umweltzerstörung verloren, so der Experte.
''Der Wassermangel in Marokko ist schon jetzt zugegen, und er wird sich weiter verschärfen'', warnt Christine Werner. Sie arbeitet für die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit in Marokko. Das Problembewusstsein sei da, aber insbesondere im Agrarsektor werde zu viel kostbares Wasser verschwendet. Zwar arbeite man bereits viel im Bereich der Tröpfchenbewässerung, aber es müsse vor allem verhindert werden, dass die großen exportorientierten Anbauflächen für Orangen und Bananen weiter ausgedehnt werden. Diese seien die größten Wasserverbraucher, erklärt Werner.
Ausweg Meerwasserentsalzung?
Rund 90 Prozent des Wassers in Marokko fließt auf die Felder. Allein die Region um Agadir erwirtschaftet rund 60 Prozent der Exporterlöse bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen, doch Wasser gibt es dort kaum. Die Brunnen drohen zu versiegen, der Grundwasserspiegel sank um bis zu zehn Meter. Was tun? ''In der Region um Agadir haben wir alle natürlichen Ressourcen nahezu erschöpft, dort wollen wir eine große Entsalzungsanlage bauen'', beschreibt der Herr der Dämme Tiju sein Vorhaben. Meerwasserentsalzung - möglichst angetrieben mit Sonnen- und Windenergie, das sei der Weg in die Zukunft.
260 Klärwerke benötigt
Mit der Landwirtschaft wetteifert aber auch die boomende Tourismusbranche ums Wasser. Jeder fünfte der 30 Millionen Marokkaner hat kein sauberes Trinkwasser, aber für die Pools und Golfanlagen der Touristen soll es zur Verfügung stehen. Das ist ein gefährlicher Interessenkonflikt. Das Königreich setzt hier vor allem auf Kläranlagen: ''Wir haben große Anstrengungen unternommen in den letzten Jahren, um Schmutzwasser aufzubereiten'', versichert der Leiter des Wasserministeriums. Dieses soll für die Landwirtschaft gebraucht werden - oder auf den Golfplätzen. Aber von den 260 nötigen Klärwerken stehen bis jetzt erst 50.
Es gibt noch viel zu tun in Marokko: die üppigen Regenfälle des Winters haben das Land aus akuter Not befreit, doch nun besteht die Gefahr, dass der Schwung nachlässt. Die Regierungsvertreter sehen sich aber auf der sicheren Seite: ''Krise? Es gibt keine Krise.''
Quelle: tagesschau.de
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