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Industrieminister Chami über Investment-Chancen in Marokko

Mehr Jobs, mehr Wettbewerb. Marokko hat ehrgeizige Ziele. Industrieminister Ahmed Reda Chami will Investoren ins Land locken. Die Börse wittert Chancen.

von Jörg Billina, Euro am Sonntag

 

Ein idealer Standort: Gerade mal 14 Kilometer trennen Marokko von Europas Küste. Auch zu den aufstrebenden Staaten südlich der Sahara ist es nicht weit. Doch nicht nur die geografische Lage macht den Maghreb-Staat für ausländische Direktinvestitionen interessant. Marokko wirbt zudem mit erheblichen Steuervorteilen, günstigen Lohnkosten und guten Handelsbeziehungen. „Unternehmen aus Europa oder den USA, die sich in Marokko engagieren, können ihre Produkte kosteneffektiver in die ganze Welt exportieren“, sagt Ahmed Reda Chami. Der Minister für Industrie, Handel und neue Technologien treibt den wirtschaftlichen Reformprozess in seinem Land entscheidend voran. Und sorgt so für kräftige Gewinne an der Börse in Casablanca.

Euro am Sonntag: Herr Minister Chami, in den kommenden Wochen will Marokko eine 500-Millionen-Euro-Anleihe auflegen. Wie riskant ist ein Kauf für Investoren?
Ahmed Reda Chami: Im März hat S & P das Rating für Marokko auf Investment-Grade angehoben. Für uns ist das ein großer Sprung nach vorn, vor allem vor dem Hintergrund, dass einige europäische Länder herabgestuft wurden. Anleger, die einsteigen wollen, müssen sich keine Sorgen um unsere Zahlungsfähigkeit machen. Wir haben in den vergangenen Jahren das Haushaltsdefizit abgebaut, die Auslandsschulden reduziert und die Inflation unter Kontrolle gebracht. Zudem ist Marokkos Wirtschaft trotz der globalen Krise im vergangenen Jahr um 5,1 Prozent gewachsen. 2010 werden wir aller Voraussicht nach um vier Prozent zulegen. Was für die Anleger noch wichtig ist: Marokko ist politisch sehr stabil.

Wie wird das eingesammelte Kapital verwendet?
Wir werden es auf keinen Fall konsumieren, sondern werden investieren. Vor allem in die Infrastruktur, denn wir wollen für private Investoren aus dem In- und Ausland attraktive Bedingungen schaffen. So verbessern wir unter anderem das Straßennetz Marokkos. Wir haben schon viel erreicht. Die 320 km lange Autobahn Fès-­Oujda vereinfacht zum Beispiel die Vermarktung von Industrieprodukten und Lebensmitteln in Richtung der Atlantikküste erheblich. Doch wir wollen mehr. 2015 soll zwischen Tanger und Casablanca ein Hochgeschwindigkeitszug fahren.

Marokko ist noch stark von Energieimporten abhängig. Was tun Sie, um die Stromversorgung zu modernisieren? Wir setzen verstärkt auf Wind und Sonne. Bis 2020 soll der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergiebedarf auf 20 Prozent steigen. Aktuell liegt der Anteil bei unter einem Prozent. Speziell für deutsche Unternehmen ergeben sich hier sehr gute Chancen. Zudem bauen wir den Containerhafen Tanger-Med zum größten Tiefseehafen Afrikas aus. All diese Projekte erfordern viel Geld. Deshalb gehen wir an den Kapitalmarkt.

Als wichtiger Teil des Modernisierungs- und Industrialisierungsprozesses Marokkos gilt der sogenannte Plan d’Emergence. Was wollen Sie damit erreichen?
Wir haben vier Bereiche identifiziert, in denen wir aufgrund unserer geografischen Lage und unserer Wirtschaftsstruktur global Wettbewerbsvorteile aufweisen. Dank unserer Nähe zu Europa und günstiger Lohnkosten sind wir ein idealer Standort für europäische Unternehmen, die ihre Produktion auslagern wollen. Neben diesem Offshoring sehen wir auch gute Chancen im Automobilsektor, in der Luft- und Raumfahrt- sowie in der Elektronikindustrie.

Wie wollen Sie internationale Investoren aus insbesondere diesen Branchen ins Land locken?
Wir bieten ausländischen Investoren erhebliche finanzielle Anreize an. So übernehmen wir zum Beispiel zehn Prozent der Investitionskosten. Und wir locken mit attraktiven Steuerkonditionen. Zudem leisten wir jede erdenkliche Hilfe, damit Investitionsvorhaben schnell und unbürokratisch realisiert werden. Wir wollen Unternehmen, die zu uns kommen, so schnell wie möglich europäische Standards bieten. Das übergeordnete Ziel des Plan d’Emergence ist es jedoch, mehrere Hunderttausend Jobs für unsere überwiegend junge Bevölkerung zu schaffen.

Welche Vorteile warten noch auf ausländische Investoren, wenn sie in Ihrem Land produzieren?
Wir haben mit zahlreichen Ländern, unter anderem afrikanischen Staaten, bilaterale Handelsabkommen abgeschlossen. Die in den Verträgen festgelegten Erleichterungen und Vorteile können dann auch von ausländischen Firmen genutzt werden.

Europas Unternehmen leiden zunehmend unter der asiatischen Konkurrenz. Können ­diese Firmen wettbewerbsfähiger werden, wenn sie in Marokko produzieren?
Ja. Meiner Meinung nach sollten sie sowohl in Europa als auch in Marokko produzieren. Beide Standorte haben viel zu bieten, die engen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen Marokkos zur Europäischen Union erleichtern die Abstimmung und ermöglichen die schnelle Reaktion auf sich verändernde Kundenwünsche.

Die Modernisierung eines Schwellenlandes hängt auch von der Leistungsfähigkeit des Bankensektors ab. Wie stark sind Marokkos Kreditinstitute?
Marokkos Banken stehen europäischen Banken in nichts nach. Sie haben sich jedoch nicht in verbrieften Hypothekendarlehen engagiert. Sie können daher Finanzierungswünsche von potenziellen Investoren problemlos erfüllen.

Auch der Kapitalmarkt spielt für ein Land eine wichtige Rolle. Nutzen marokkanische Unternehmen die Chance, sich über die Börse zu finanzieren?
Ja, aber nicht in dem Ausmaß, wie ich mir das wünsche. Aus meiner Sicht ist die Zahl von Neuemissionen noch zu gering. Für Anleger lohnt sich jedoch der Einstieg. Seit Jahresanfang verbesserte sich die Casa­blanca Stock Exchange um knapp 14 Prozent. Der DAX bringt es, so viel ich weiß, nur auf 0,6 Prozent.

Sollten sich ausländische Unternehmen, wenn sie in Marokko produzieren, listen lassen?
Ich halte das für eine gute Idee. Es würde die Börse in Casa­blanca beleben. Aber die Entscheidung muss jedes Unternehmen für sich treffen.

Welche Rolle spielt der König bei der Modernisierung Marokkos?
Seine Exzellenz Mohammed VI. ist die treibende Kraft. Er stößt viele Vorhaben an und ist in ständigem Kontakt mit den Ministern. Permanent reist er durchs Land und kontrolliert die Ausführung verschiedener Projekte. Seine Autorität beschleunigt oftmals die Entscheidung und Durchführung. €uro am Sonntag: Welche Schwerpunkte setzten Sie bei Ihrer Arbeit? Chami: Ich konzentriere mich vor allem auf den Kontakt zu ausländischen Investoren. Sie sind für die Zukunft unseres Landes von enormer Bedeutung.

Im Profil
Ahmed Reda Chami wurde 1961 in Casablanca geboren. In Paris absolvierte er ein Ingenieurstudium, in Los Angeles machte er 1989 seinen Master of Business Administration. Seit Ende 2007 ist er Minister für Industrie, Handel und Neue Technologien.

Quelle: finanzen.net

 

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