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"Ich kann mir nicht vorstellen, Deutschland zu verlassen"

Quelle:zeit.de

Der Flüchtling Hassan Khateeb ist 22 und studiert Jura in Frankfurt. Ihm droht die Abschiebung nach Jordanien. Wie er mit der Angst lebt, erzählt er im Interview.


Bild: Hassan Khateeb

 

ZEIT ONLINE: Müssen Sie jeden Moment damit rechnen, abgeschoben zu werden?

Hassan Khateeb: Wir haben im August einen Brief von der Ausländerbehörde bekommen, dass wir ausreisen sollen oder abgeschoben werden. Dann haben wir eine Petition aufgesetzt. Über diese sollte der Petitionsausschuss des Hessischen Landtags eigentlich im vergangenen Dezember entscheiden.

ZEIT ONLINE: Das ist aber nicht passiert?

Khateeb: Wir haben Dokumente und auch ein unabhängiges Gutachten vorgelegt, die unsere palästinensische Herkunft beweisen. Der Ausschuss ist zu keinem Ergebnis gekommen. Unsere Petition soll wieder auf die Tagesordnung, wenn der Ausschuss rechtliche Klarheit hat. Das ist frühestens in diesem Monat der Fall.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie, wie Ihre Chancen stehen, in Deutschland zu bleiben?

Khateeb: Unsere Angst, abgeschoben zu werden, ist wohl berechtigt. Dabei hat der deutsche Staat so viel Geld in unsere Ausbildung gesteckt. Mein Bruder und meine Schwester machen demnächst auch ihr Abitur. Wenn wir jetzt gehen müssen, hat Deutschland gar nichts davon.

ZEIT ONLINE
: Wie ist die Situation für Sie persönlich? Können Sie sich auf Ihr Studium konzentrieren?

Khateeb: Einfach ist es nicht. Im Dezember saß ich in der Bibliothek und habe für eine Klausur über Grundrechte gelernt. Gleichzeitig tagte in Wiesbaden der Petitionsausschuss, der über unsere Petition und damit über unser Leben hätte entscheiden sollen. Da konnte ich mich natürlich nicht aufs Lernen konzentrieren, sondern wartete die ganze Zeit auf den Anruf.

ZEIT ONLINE: Wie klappt das überhaupt mit dem Lernen? Sie leben mit sechs Geschwistern und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung.

Khateeb: Anders als meine Kommilitonen lerne ich nur in der Uni, zu Hause ist das unmöglich.

ZEIT ONLINE: Sie sind der erste Stipendiat des Rudolf Steinberg Stiftungsfonds. Das Sozialamt will Ihnen das Geld aus dem Stipendium nun direkt wieder abnehmen und mit den Leistungen verrechnen, die Sie als Flüchtling bekommen.

Khateeb: Ja, aber wir lassen gerade prüfen, ob es rechtens ist, das Stipendium zu verrechnen.

ZEIT ONLINE: Wie unterstützt Ihre Hochschule Sie?

Khateeb: Der Uni-Präsident Werner Müller-Esterl hat sich in einem Brief an die Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann für ein Bleiberecht ausgesprochen. Meine Professoren haben Gutachten über die Herkunft unserer Familie verfasst und einen Brief an Roland Koch geschrieben. Im vergangenen Jahr gab es eine Kundgebung auf dem Campus, an der auch viele Studenten teilgenommen haben.

ZEIT ONLINE: Was sagen Ihre Kommilitonen zu Ihrer Geschichte?

Khateeb: Viele sind bestürzt und fragen, ob sie irgendwie helfen können. Einer sagte mir, er schäme sich. Vorher habe er einen starken Glauben an den Rechtsstaat gehabt und den habe er jetzt so nicht mehr. Viele reagieren auch wütend und sagen: Das kann doch gar nicht sein.

ZEIT ONLINE: Dass geduldete Flüchtlinge an die Uni gehen, kommt eher selten vor. Wie haben Sie das geschafft?

Khateeb: Meine Mutter war Lehrerin und hat in unserer Erziehung immer obersten Wert auf Bildung gelegt. Sie hat ja eine akademische Ausbildung und hat uns immer erklärt, dass wir uns in der Schule anstrengen müssen, wenn wir weiterkommen wollen. Die Uni Frankfurt hat mich aufgenommen, obwohl ich nur den Status eines geduldeten Asylbewerbers habe.

ZEIT ONLINE: Die Wohnung Ihrer Familie wurde 2006 im Morgengrauen stundenlang von der Polizei und von Mitarbeitern des Ordnungsamtes und der Ausländerbehörde nach Beweisen für die jordanische Staatsangehörigkeit durchsucht, ohne Erfolg. Die Behörden haben Ihre Eltern und Geschwister 2007 in ein Flugzeug verbracht, das sie nach Jordanien bringen sollte. Der Pilot weigerte sich aber, loszufliegen. Glauben Sie noch an den Rechtsstaat?

Khateeb: Ja, ich glaube an den Rechtsstaat, auch wenn das, was uns passiert ist, dem teilweise widerspricht. Sonst würde ich auch nicht Jura studieren.

ZEIT ONLINE: In welchem Beruf wollen Sie später arbeiten?

Khateeb: Momentan als Richter oder als Anwalt bei einer Menschenrechtsorganisation. Das kann sich natürlich noch einmal ändern.

ZEIT ONLINE: Haben Sie darüber nachgedacht, was aus Ihrem Leben werden soll, wenn die Behörden Sie tatsächlich nach Jordanien abschieben? Ihr Studium könnten Sie nicht zu Ende führen.

Khateeb: Es geht über meine Vorstellungskraft hinaus, Deutschland zu verlassen. Ich kenne Jordanien nicht, ich spreche die Sprache nicht. Meine Schwester hat neben ihrem Bett gepackte Koffer stehen, ich nicht. Ich bin hier aufgewachsen, ich lebe hier mein Leben und fühle mich als Deutscher. Ich sehe keinen Unterschied zwischen mir und meinen Kommilitonen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Kontakt zu Ihrem Vater?

Khateeb: Er lebt in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Amman in Jordanien. Wir können nur über Messenger kommunizieren, wenn er in ein Internet-Café geht. Er möchte natürlich zurück. Er weiß zwar, wie das Leben im Nahen Osten funktioniert. Aber nach 17 Jahren Deutschland kommt er nicht mehr zurecht. Alles läuft über Kontakte, Geld und Korruption. Ein gutes Zeugnis nutzt einem dort nichts.



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