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Wael Gassar - Ghareibah El Nas

Die Barmädchen von Tanger

berlinonline.de
Montag den, 19-10-2009

Der Film "Tangerine" zeigt den Alltag junger marokkanischer Prostituierter - in dem muslimischen Land ist das ein Tabu

TÉTOUAN. Die Atmosphäre im Avenida Filmtheater ist angespannt. Der Film "Tangerine" hat Premiere beim 15. Festival International di Cinéma Mediterranéen in der marokkanischen Provinzstadt Tétouan. Erst in letzter Minute ist die Filmkopie mit Kurier aus Berlin eingetroffen. Im gut gefüllten großen Kinosaal wartet die Berliner Regisseurin Irene von Alberti unruhig auf die Reaktion des Publikums. Denn in ihrem deutsch-marokkanischen Beziehungsdrama geht es um um käuflichen Sex und bestechliche Staatsbeamte in Tanger, brisante Themen in dem muslimischen Königreich, wo Prostitution offiziell streng verboten und wie auch Korruption ein Tabuthema im Kino ist.


Bild:Nora von
Waldstatten

Johlende männliche Zuschauer

Doch Befürchtungen, dass es bei der Vorstellung zu Tumulten kommen könnte, erweisen sich als unbegründet: Schon kurz nach Filmbeginn, wenn Barmädchen in einer Wohngemeinschaft feiern, trinken und tanzen, klatscht das Publikum begeistert mit im Rhythmus der arabischen Popmusik. Und wenn die schöne Marokkanerin Sabrina Ouazani mit dem deutschen Hauptdarsteller Alexander Scheer zum Liebesakt schreitet, johlen die vorwiegend jungen männlichen Zuschauer vor Vergnügen. Solch frivole Szenen sind auf Marokkos Leinwänden sonst nicht zu sehen. Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion mit marokkanischen Filmjournalisten und Cineasten kommt allerdings ernüchternde Kritik. Die ungeschminkte Darstellungsweise wird als anstößig, der derbe Straßenjargon als ungehörig empfunden.

Damit hatte die Regisseurin Irene von Alberti rechnen müssen. Sie reist seit 20 Jahren immer wieder durch Marokko, auch gedreht hat sie hier schon öfter. Sie ist fasziniert vom Land und der Kultur, sie war oft in Tanger. "Irgendwann kam ich dann in Bars, in denen Bier verkauft wird, wo nicht nur Männer hingehen, sondern auch junge, total hübsche Mädchen", erinnert sie sich. Traditionell sind Teestuben und die wenigen Lokale mit Alkohollizenz eine Domäne der Männer. "Das waren Mädels mit supertollen Kurzhaarschnitten, mit schicken Klamotten, so wie man das auch in Berliner Clubs sieht, ganz modern", erzählt Irene von Alberti. Sie wurde neugierig. "Und da wurde mir gesagt, naja, das sind eben alles Nutten." Sie sei als Filmemacherin nicht so sehr an Prostitution interessiert, fügt sie hinzu, "aber diese halbprofessionelle Grauzone, das fand ich spannend."

Offiziell illegal, wird Prostitution in Tanger in gewissem Maße toleriert. Die kosmopolitische Stadt am Nordwestzipfel Afrikas hatte schon in den 20er-Jahren einen legendären Ruf als Sündenbabel. Ab den 50ern war Tanger Tummelplatz für Bohemiens und Künstler aus Europa und Amerika. Sex und Drogen waren preiswert und leicht erhältlich. William S. Burroughs schrieb hier sein Junkie-Buch "The Naked Lunch". Später kamen Rockstars wie die Rolling Stones, die im Open-air-Café Haffa Joints kreisen ließen. Auch heute wird beim Minze-Tee auf den Café-Terrassen gekifft, mit Blick übers Meer auf Spanien, das nur 23 Kilometer entfernt liegt. Für die meisten jungen Marokkanerinnen ist es unerreichbar.

"Die haben Pech, dass sie hier auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar auf die Welt kamen", sagt Irene von Alberti. "Drüben in Spanien könnten sie auf die Schule gehen und studieren. Hier in Marokko fehlen den ärmeren Familien die Mittel, um eine Ausbildung zu finanzieren. Da müssen die Töchter wahnsinnig früh mit für den Unterhalt sorgen." Sie erzählt, dass sie ein Mädchen traf, dessen Bruder an Mukoviszidose leidet. "Der muss immer ins Krankenhaus, Schleim abpumpen, und dort muss man bar bezahlen. Die Eltern wissen genau, was die Tochter macht: Sie geht anschaffen, bringt jeden Tag so 20 bis 30 Euro mit nach Hause, für die Arztrechnung."

55 Prozent der Marokkaner sind jünger als 25 Jahre, die Analphabetenrate ist hoch, besonders unter Mädchen vom Land. Erst seit 2004 haben Marokkanerinnen das Recht, sich scheiden zu lassen.

Um die Situation der Barmädchen in Tanger realistisch darzustellen, traf sich die Regisseurin mit einer ganzen Reihe von ihnen und informierte sich in langen Gespräche über ihre Lebensweise und Probleme. Manche flüchten aus einer Zwangsehe mit einem ungeliebten oder gewalttätigen Ehemann, was zur sozialen Ächtung führt und die Frauen oft nötigt, ihren Lebensunterhalt im Gunstgewerbe zu verdienen. Andere träumen von einem aufregenden, selbstbestimmten Leben, frei von den Fesseln familiärer Pflichten und Bevormundungen. So wie Nohad Sabri, eine Table Dancerin, die in "Tangerine" lebensnah die Rolle der hübschen Mimita spielt. Auch einige Statistinnen des Films kommen aus dem Milieu.

Da ihre Arbeit offiziell illegal ist, sind die jungen Frauen schutzlos den Übergriffen rabiater Freier und der Polizei ausgesetzt. Wenn sie bei Razzien in den Bars und Diskos festgenommen werden, ist es kostspielig, sich wieder freizukaufen. Auch für "Schutzgelder" an Kriminelle oder "Eintritt" für Türsteher müssen viele einen Teil ihres Einkommens abgeben. Der Druck fördert Zweckfreundschaften, die Barmädchen in "Tangerine" leben in einer WG. Alkoholismus ist verbreitet unter den Frauen. Nachts trinken sie mit potenziellen Kunden, und manche auch später zu Hause, gegen den Kater nach der Arbeit.

"Zu den Gesprächen mit der Frau, die das Vorbild für Neshua im Film abgibt, musste ich immer Bier mitbringen", erzählt Irene von Alberti. "Nach einigen Flaschen hat sie angefangen zu reden." Mit 14 ausgerissen von zu Hause, wo ihre Brüder sie prügelten, landete sie in Tanger, wurde schwanger von ihrem ersten Freund, der sie dann sitzenließ, allein mit der Tochter.

Die Regisseurin begleitete die junge Frau für ihre Recherchen auch mal nachts. "Erst in eine Bar, wo sie Wodka getrunken hat, dann in die Disko", erzählt Irene von Alberti. "Sie hat alles gescannt, bis sie jemanden sah, der als Kunde in Frage kam. Dann ging sie auf die Tanzfläche und hat total scharf getanzt - super sexy, vor einem älteren und einem jüngeren Spanier. Dann ging es irre schnell, dass sie mit dem Älteren rausging. Sie ist auch nicht wiedergekommen."

Während der Urlaubssaison im Sommer geht es besonders hoch her, wenn zahlungskräftige Europäer, vor allem aus Spanien, nach Tanger strömen. Im "Beach Club 555", wo die Diskoszene für "Tangerine" gedreht wurde, passiert man Sicherheitskontrollen wie an Flughäfen. Für Liebesdienste wird von Ausländern deutlich mehr verlangt als von Marokkanern. Die meisten Mädchen, die in den Nachtlokalen von Tanger auf Kundenfang gehen, haben im Hinterkopf dieselbe Hoffnung wie unterprivilegierte Frauen anderer Nationalität in ähnlicher Lebenslage, sei es in Odessa oder in Manila: Sie wünschen sich einen wohlhabenden Ausländer, der sie heiratet und materiell verwöhnt. Sie handeln nach dem Grundsatz, den die Hauptfigur Amira in "Tangerine" prägnant formuliert: "If you give me a lot, you love me a lot" - wenn du mir viel gibst, liebst du mich.

Bei den Dreharbeiten belästigt

Bei der Premierenfeier in Tétouan, abends an der Hotelbar, ist die Stimmung ausgelassen. Die Table-Tänzerin Nohad Sabri ist stolz auf ihr Spielfilm-Debüt, auch die Laiendarstellerin Naima Bouzid, die eines der Barmädchen spielt. Dabei hatte sie während der Dreharbeiten manchmal entnervt aufgeben wollen, weil sie von den marokkanischen Männern im Team belästigt wurde. "Die haben nicht kapiert, dass sie eine Rolle spielt", erzählt Irene von Alberti, "die haben nachts mit den Fäusten an ihr Hotelzimmer gehämmert und wollten zu ihr ins Bett."

 

Eine Dreiecksgeschichte

"Tangerine" läuft heute in den deutschen Kinos an. Es ist der erste lange Spielfilm der Berliner Regisseurin Irene von Alberti. Erzählt wird eine Dreiecksbeziehung, in der Geld, Lügen und Prostitution zum Widersacher einer wirklichen Freundschaft oder gar Liebe werden.

Die Marokkanerin Amira wird von ihrer Familie auf die Straße gesetzt, weil sie lieber Tänzerin werden will als verheiratet zu werden oder Dienstmädchen zu sein. Sie findet Unterschlupf bei Freundinnen, die ihren Lebensunterhalt als Prostituierte in den Bars von Tanger verdienen.

Ein Musikerpaar aus Deutschland, Pia und Tom, lernt Amira in einer Disko kennen. Amira interessiert sich für Tom (Alexander Scheer). Da kommt Pia die Idee, mit Amiras Hilfe die angeschlagene Beziehung auf die Probe zu stellen. Amira sieht in der Affäre mit Tom ihre große Chance.

Tangerine - Deutscher / German Trailer



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Jasi
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