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Studieren in Deutschland: Wie ausländische Studenten ihr Gastland erleben
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Studieren in Deutschland: Wie ausländische Studenten ihr Gastland erleben

Quelle: zeit.de
Montag: 02 . 03 . 2010

Studenten aus China, Kanada und Marokko erzählen von ihren Erfahrungen an deutschen Universitäten.

Vermissen wird er die Bibliothek. Seinen Professor. Und natürlich Google. Wenn Chunqiu Li nach Peking zurückkehrt, wird es die Suchmaschine dort vermutlich nicht mehr geben. Vier Semester möchte Li noch in Mannheim bleiben, um seine Doktorarbeit in Linguistik zu schreiben. Dann muss er wieder gehen. In sein Land, das schlaue Köpfe dringend braucht und gleichzeitig kritische Wissenschaftler zum Tode verurteilt.


Bild:

Seit zwei Jahren lebt Chunqiu Li in Deutschland. Seine Eltern haben ihren Sohn in seinem Wunsch bestärkt, hier zu promovieren. Wie viele Chinesen aus der Mittel- und Oberschicht erhoffen sie sich für ihren 29 Jahre alten Sohn bessere Chancen, wenn er einen Abschluss aus dem Ausland vorweisen kann. Li möchte Professor werden. Doch für Geisteswissenschaftler wie ihn sind die Arbeitsbedingungen in China schwierig.

Im Jahr 2007 saß Chunqiu Li zum letzten Mal als Masterstudent an der durchaus angesehenen Beijing Foreign Studies University in einer Bibliothek, die bis heute auf dem Stand der späten sechziger Jahre ist. Eine elektronische Zeitschriftenrecherche kannte er damals noch nicht, und Diskussionen in Seminaren sind in China auch unüblich. »In Deutschland bekommen Studierende die besten Noten für eigenständiges Denken, in meiner Heimat fürs Auswendiglernen«, sagt er.

Nicht nur das Internet und Bücher werden in China zensiert, auch das studentische Leben ist reglementiert. Die Universitäten dort seien wie eigene Städte, erzählt Li, es gebe Wohnheime auf dem Campus, Supermärkte, Fitnessstudios und Restaurants. Die Studenten hätten eigentlich keinen Grund, das Gelände zu verlassen, und das sei vom Staat auch so gewollt. »Der Gemeinschaftssinn soll durch die räumliche Nähe gefördert werden, dabei herrscht unter chinesischen Studierenden in Wirklichkeit viel mehr Konkurrenz als unter deutschen«, sagt Li. »Referate in Gruppen zu halten würde in China nicht so gut funktionieren. Jeder versucht, den anderen zu überflügeln.«

»Schade, dass die Deutschen ihr Studium verschulen«

Warum deutsche Kommilitonen gegen die Studienbedingungen demonstriert haben, versteht Chunqiu Li durchaus, aber er weiß auch, dass die Lehre und die Ausstattung der deutschen Universitäten im Vergleich zu vielen anderen Ländern erheblich besser sind. »Es ist schade, dass Studenten seit der Reform in ein verschultes System gepresst werden. Gerade die Freiheit, Kurse wählen und selbstständiger arbeiten zu können, war ein Vorteil deutscher Universitäten. Was ich hier lerne, wird mich trotzdem mein Leben lang begleiten«, sagt er und meint damit nicht nur Fachliches.

Rund 185.000 Bildungsausländer, die ihre Hochschulzugangsberechtigung woanders erworben haben, studieren in Deutschland, vor allem in Nordrhein Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien ist Deutschland das drittwichtigste Zielland für angehende Akademiker aus aller Welt, die meisten kommen aus China, Polen und Bulgarien. Rund 25.000 chinesische Studierende sind nach einer Erhebung des Hochschul-Informations-Systems (HIS) und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an hiesigen Universitäten immatrikuliert – das sind mehr als viermal so viele wie im Jahr 1998.

Deutschland sei immer noch ein attraktiver Studienstandort, sagt Ulrich Heublein vom HIS. Doch seit ein paar Jahren stagnierten die Zahlen, die Zahl der Osteuropäer sei sogar rückläufig. »Dagegen sollten die Universitäten etwas unternehmen.«

Ausländische Absolventen, die von der deutschen Wirtschaft als potenzielle Fachkräfte betrachtet und umworben werden, schlagen Brücken zwischen den Welten. Einem Chinesen oder Bulgaren, der hier studiert hat, wird es nicht nur gelingen, in Deutschland erfolgreich zu arbeiten oder als Rückkehrer die Entwicklung in seiner Heimat voranzutreiben. Bestenfalls schafft er es auch, Fremdes in die eigene Gesellschaft hineinzutragen, für mehr Toleranz zu sorgen.

»Viele Ausländer haben wenig Kontakt zu deutschen Kommilitonen«

»Das ist doch wichtiger, als sich zu überlegen, ob wir mal gute Fachkräfte werden und das Bruttosozialprodukt steigern«, sagt Younes Qrirou. Der 26 Jahre alte Marokkaner studiert Sozialwissenschaften und Ökonomie. Er kam vor vier Jahren nach Gießen, engagiert sich im Studierendenausschuss, bei Amnesty International und beim Bundesverband ausländischer Studierender. »Ich finde es schön, dass Deutschland so international geworden ist, aber viele Ausländer haben wenig Kontakt zu ihren deutschen Kommilitonen, das muss sich ändern«, meint er.

Umfragen zeigen, dass über die Hälfte der Gaststudenten die Studieninhalte sehr gut finden, »aber rund 40 Prozent vermissen in Deutschland das Gefühl, willkommen zu sein«, sagt Younes Qrirou. Woran das genau liegt und wie man das ändern könnte, wurde nicht abgefragt. Viele Ausländer denken, dass sie bei der Wohnungssuche diskriminiert werden, ihr größtes Problem ist allerdings Geldmangel.

Eine Studie des Deutschen Studentenwerks ergab, dass ausländischen Studenten im Schnitt nur 600 Euro im Monat zur Verfügung stehen. Mehr als die Hälfte sind erwerbstätig und finanzieren ihr Studium selbst. Dennoch dürfen Bildungsausländer, die keine EU-Bürger sind, nur 90 Tage im Jahr arbeiten.

»Dieses Gesetz müsste man überdenken«, sagt Qrirou. »Es führt dazu, dass sich Ausländer fast nur die billigen Wohnheime leisten können und dort unter sich bleiben, während deutsche Studierende in teuren Wohnheimen oder Wohnungen leben.«

Der Kanadier Jonathan Hanson hat Glück, im Vergleich zu Nordafrikanern oder Südamerikanern sind seine Eltern eher reich, sie finanzieren ihn. Er ist 24 Jahre alt, studiert Geologie in München, lebt in einer Wohngemeinschaft und hat viele deutsche Freunde, mit denen er ausgehen oder reisen kann. »Ich bin hierhergekommen, um das Land kennenzulernen, nicht wegen der Qualität der Ausbildung«, sagt er.

»In Kanada oder den Vereinigten Staaten wird viel mehr Wert auf eine gute Lehre gelegt.« München habe zwar zwei Exzellenzuniversitäten, aber allein die Forschungsleistung entscheide über die Reputation der Professoren. »In Montreal erwerben sie nur Ansehen, wenn sie auch gut unterrichten.«

Chunqiu Li ist Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der Graduierte mit 700 bis 1000 Euro im Monat fördert. Ohne das Geld könnte er nicht promovieren. Manchmal fehlen ihm deutsche Freunde, aber jedes Mal, wenn er sich einsam fühlt, fällt ihm die Geschichte von Li Fo Ki ein. Der bekam 1907 einen Doktortitel in Physik, als erster Chinese überhaupt, und studierte wie Chunqiu Li an einer kleinen Universität, in Bonn.

»Natürlich kann nicht jeder so berühmt werden«, sagt Li, »aber alle Chinesen, die in Deutschland waren, werden nach ihrer Rückkehr ihr Land verändern.« Er hofft, dass es irgendwann bessere Bibliotheken in China geben wird. Und dass Google bleibt.



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